Gastgewerbe in Kohlscheid Sammlung 2

 EHEMALIGE u HEUTIGE GASTSTÄTTEN, WIRTSCHAFTEN etc. in KOHLSCHEID

Die Sammlung ist im Aufbau

Zusammengestellt von Erich Hallmann letzte Aktualisierung: 10. Februar 2026


Abbbildungen entstammen, soweit nicht anders angegeben, der Sammlung E. Hallmann oder werden mit Zustimmung der Urheber verwandt. Sollte ich versehentlich die Rechte Dritter an einem Bild übersehen haben, bitte ich um Nachricht über Kontakt.
Kopieren oder anderweitig zu verwenden, ist nur nach Absprache  gestattet.

einige zum Thema passende Aufsätze, Erläuterungen, Anmerkungen

zu den einzelnen Gaststätten:

Standorte und dort angesiedelte Gaststätten

Ortsgruppe einfach anklicken                                                                                                letzte Aktualisierung: 15.02.2026

Kohlscheid Südstraße

KO16 Imbiss China,  Südstraße 6, Imbiss          
KO17 Moritz, Südstraße 8, Imbiss                     
KO19 Engels, Südstraße 53, Gastwirtschaft      
KO29 Katjas Cafe, Südstraße, Cafe          

Kohlscheid Weststraße

KO06 Imbiss Bonni , Weststraße 1, Imbiss
KO31 Ristorante Amore, Weststraße 23, Restaurant
KO01 Leisten,  Weststraße 59, Schankwirtschaft      
KO02  Rehahn,  Weststraße 93, Gastwirtschaft

Klinkheide

KL07 Ottengrafen, Holzerstraße 62, Schankwirtschaft       KL08 Linde, Nordstraße 72, Gastwirtschaft
KL09  Küppers ,Nordstraße 108, Imbiss    
KL01 Hilgers, Projektstraße 11, Schankwirtschaft  
KL06 Leisten, Klinkheider Straße 11, Schankwirtschaft       KL02 Winkens, Klinkheider Straße 76, Schankwirtschaft   KL03 Wirtz, Klinkheider Straße91, Gastwirtschaft  
KL05 Moers, Schulstraße18, Gastwirtschaft
KL04 Goertz, Schulstraße34, Gastwirtschaft    
            #
Beschreibungen der Gaststätten

Weitere Informationen sind in Vorbereitung.
Wenn Sie zu einem Lokal Geschichten, Bilder oder etwas anderes beitragen können, bitte unter Kontakte melden.
Danke

Südstraße










25.02.2026 veröffentlicht
*KO15 Pötgens, Südstraße 2 und 4, Restaurant Pötgens/ Neue Welt/ Bavaria/ Hansa Restaurant/ Gaststätte Montenegro/ Oscars/ Wirte: Johann Josef Pötgens 1862, Matthias Pöttgens, Eck Martin bis 1928, Forst Wilhelm bis 1932, Hans Blaschek bis 1950, Max Kersebaum?, Barbara Woldeit bis 1968, Herta Lepahe bis 1975,  Inge Feldmann bis 1980, Galip Turgut   

Die Lage


Die Gaststätte liegt in der Nähe der Kirche und vieler anderer Gaststätten.
Offene Fragen: Wann wurde das Gebäude errichtet? Wann wurde das große Gebäude für das Kino errichtet?

Zentral mit Anbindung zum Markt liegt das große Grundstück Südstraße 2/4. Gegenüber sind die Gaststätten Alt Bayern, schräg gegenüber der Kirche und damit in der Nähe, die „Tonhalle“ und die „Vier Jahreszeiten“

Mit welchem Namen ist das Lokal verbunden.  

Zur Familie Pöttgens  (Man findet auch die Schreibweisen Poetgens, Pötgens.)

Kohlscheid ist sehr eng verbunden mit der Familie Pöttgens.

Da gab es 1829 den Grubendirektor Pöttgens auf Hankepank, und in den 1860er Jahren den Schützen Johann Joseph Poetgens. Er hatte sich um den Posten des Ersten Beigeordneten beworben. Weil er eine Schankwirtschaft betrieb wurde er aber abgelehnt. Wo diese Schankwirtschaft war, konnten wir leider nicht ermitteln.

Anfang 1900 gab es den Fuhrunternehmer Franz Pöttgens aus der Oststraße, der auch den Leichenwagen besaß.  Er fuhr den Sarg von der Kirche bis zum Friedhof.

In der Nordstraße saß der Bauer Heinrich Pöttgens auf seinem Hof.

Die Söhne von Johann Joseph, sie waren die wichtigsten aus ihrer Familie. - Wilhelm (+1910) und Karl Pöttgens. Sie stifteten den Kohlscheidern das Altersheim.  Mit dem Bau wurde 1911 begonnen.  

Und dann  gab es in der Südstraße 2 den Wirt Matthias Pöttgens.


Die prägende Geschichte    Das Alleinstellungsmerkmal 

Einmalig im Kohlscheider Gastgewerbe ist die Verkaufsstelle von Wasser bzw. Limonade.

Zum Namen Pöttgens finden sich zwei Meldungen zu dem wohl einmaligen kuriosen Unternehmen.
In der Steuerolle von 1899 ist der Selterswasserausschank Joseph Pöttgens, Marktplatz aufgeführt. Die Steuer betrug nicht mehr oder weniger als die einer normalen Gaststätte, nämlich 15 Mark.

Dann gibt es das Foto von Thea Schroiff. Der Verkaufsstand ist eindeutig im Lustgarten zu sehen. Hinter der Ausgabentheke ist ein bärtiger Herr mit Hut zu sehen. Ist das vielleicht der Betreiber Pöttgens?

In einer Meldung zum Wasserverkauf findet sich zu dem Namen Pöttgens der Zusatz: „Aachen“.
Wir haben in Adressbüchern von Aachen keinen Vertrieb von Wasser oder Limonade mit dem Namen Pöttgens gefunden. Das heißt aber nicht endgültig, dass der Wasserstand wirklich von der Kohlscheider Familie Pöttgens betrieben wurde.

Bei nachträglicher Recherche am 2.3.26 gefunden: in der Liste der Gastwirtschaften von 1905 sind "2 Selterswasserverkaufsstellen" aufgeführt.

Foto: Sammlung Heimatverein Kohlscheid

Zum Kino:
Wann die Gaststätte und in welcher Ausprägung gebaut wurde, konnten wir nicht ermitteln.
Nach dem Krieg 1919 muss bereits die Gaststätte mit einem dazu gehörigen sehr großen Saal bestanden haben.

Quer verläuft die Südstraße. Unten links der große Dachstuhl des Kinosaals. Links daneben das Gebäude der Gaststätte und die private Zufahrt. Gegenüber das gelbe Gebäude mit dem Eckeingang "Alt Bayern"; Foto: Erich Hallmann

Es ist belegt, dass Matthias Pöttgens (Südstraße 2) am 27. Januar 1919 ein kleines Tanzvergnügen mit der Bürgerkapelle Kohlscheid beantragte. Der Kommandant der Besatzungsmacht konnte zu dieser Zeit eine solche Genehmigung jedoch nicht ausstellen.

Die Kohlscheider gaben sich aber mit der Ablehnung nicht zufrieden. Knapp drei Wochen später lud ein Adam Krecke eine französische Soldatenmannschaft im Namen des KBC zu einem Fußballspiel ein. Man wollte die Mannschaft abholen und am Abend mit ihr in der Gaststätte Pöttgens (Südstraße 2) gemeinsam feiern.
Kommandant Meyer fand diesen Vorschlag "dumm" (stupide) und er bat den Fußballclub, künftig von solchen "geschmacklosen Vorschlägen" abzusehen und sich vor Augen zu führen, dass er mit einer Besatzungsarmee zu tun hat. 

Am 8. März – der Kommandant wurde ein weiters Mal gefordert -  beantragten P. und D. Linnartz im Saale des Matthias Pöttgens vom 16. bis 18.März, Filme vorführen zu dürfen.
Der Kommandant lehnte ab, weil zu dieser Zeit der Saal von Soldaten genutzt würde.
Aber - die Veranstaltung wurde dann doch für den 23.März genehmigt.
Die Gemeinde erhob für die Vorführung keine Lustbarkeitssteuer. Damit gab es den Präzedenzfall, dass Filmvorführungen nicht zur Belustigung der Bevölkerung dienen.  

Dennoch - es kam nicht zu weiteren  Vorführungen. In der Nacht vom 23. zum 24.03. wurde die Leinwand gestohlen.

In den ersten Monaten des Jahres 1919 kam es zu erheblichen Interessenskonflikten mit der Besatzungsmacht aber auch innerhalb der Unternehmerschaft. Sehen wir weiter.  

Am 4. April  genehmigte der Ortskommandant zwei Schilder mit der Beschriftung "Kohlscheider Lichtspiele" für das Restaurant Pöttgens in der Südstraße 2.
Knapp zweieinhalb Wochen später, am 23. April, wurde auf Anordnung des Ortskommandanten die Gaststätte Pöttgens, Südstraße 2, geschlossen.
Der Wirt Martin Eck hatte die Gaststätte zwar gekauft, doch  der Konzessionsinhaber blieb Matthias Pöttgens. Die Schließung soll die Ehefrau eines Kohlscheider Wirtes bewirkt haben,  was am Ende nicht bewiesen werden konnte.

Martin Eck fand sich natürlich mit der Schließung nicht ab. Vermutlich kam er kurze Zeit nachher auch in Besitz der Konzession.  Bereits Ende Juli erhielt er die Erlaubnis zum Umbau seiner Gaststätte in Südstraße 2. Er nannte sie jetzt „Zur Neuen Welt”.
Martin Eck hatte schon im Saale seines Lokales "Germania" (Markt 49) vereinzelt Kino Vorführungen ermöglicht. Mit dieser Erfahrung in diesem neuen Geschäft eröffnete er im Hause Südstraße 4 das „Bavaria-Theater“ zu Anfang der 1920er Jahre.

Foto: Sammlung Heimatverein Kohlscheid


Wechselhafte Eigentunsverhältnisse

1920 kommen dann weitere Personen ins Spiel. Clara Eck, vermutlich Schwester von Martin  und Frau von Wilhelm Forst, der Schwager von Martin Eck war.

So wird zum 5. April 1920 gemeldet:  Die Bühnengesellschaft Kohlscheid wird künftig im Lokale Forst spielen (Südstr. 2, Clara Eck). Mit ihrem Spiel will sie die Veranstaltungen des Reichsbundes für Kriegshinterbliebene unterstützen. (Bühnengesellschafi)

Die beiden Clara Eck und Wilhelm Forst betrieben die Gaststätte  Südstraße 2 nur kurze Zeit.

Nach einem Tausch der Gebäude übernahm Wilhelm Forst das Filmtheater. Martin Eck führte wieder die Gaststätte. In einer Mitteilung vom 22. September 1922 heißt es:

Martin Eck (Südstraße 2) ist Inhaber der Gaststätte „Zur Neuen Welt”. Sie verfügt über einen großen Tanzsaal, eine Parkett-Kegel-Bahn und Gesellschaftszimmer.

Weitere Entwicklung des Bavaria Kinos

Der Text wurde teilweise dem Buch des Heimatvereins „Straßenspiegel“ entnommen:
Ende der 20er Jahre wurde das Bavaria an L. Drucks, bisheriger Betreiber des Kinos Schauburg an der Weststraße, verpachtet.    
Das Kino war zuerst Saal mit "Leinwand". Für den Tonfilm wurden aber Lautsprecher gebraucht. In Amerika wurden dafür Vorführsäle mit ausgerichteten Lautsprechern gebaut. Im Bavaria wurde im Laufe der Zeit eine immer bessere Beschallung eingebaut.  
Das Kino diente in der Hitlerzeit der NSDAP und ihren Gliederungen zur Durchführung von Großveranstaltungen. Während des ganzen Jahres zeigte das Bavaria-Theater immer wieder Spielfilme, die den Krieg 14/18 zum Schauplatz hatten und vom Heldentum der deutschen Soldaten Zeugnis gaben.
1936 wird annonciert: 
„Bavaria Theater KohlscheidDas Kohlscheider Tonfilm Theater bringt auch in diesem Jahre jeden Samstag, Sonntag, Montag ein erstklassiges Programm mit den bedeutendsten Neuerscheinungen der Filmkunst“

Drucks führte das Kino bis kurz vor der Evakuierung Kohlscheids (Herbst 1944) und konnte noch gerade rechtzeitig die Vorführmaschinen in Sicherheit bringen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete das Bavaria in der ersten Septemberwoche 1943 als erstes Lichtspieltheater im Kreise Aachen seine Pforten, nun unter der Geschäftsführung Bück-Bücken.
Es sollte dann auch als erstes Kino des Kreises Aachen am 31. Dezember 1960 für immer die Pforten schließen, als in den 50er Jahren wegen der Zunahme des Fernsehens das große Kinosterben begann.
Es fand vorübergehend in einem wesentlich kleineren Kino, dem "Capitol", einen Nachfolger. Dieses „Capitol“ war auf dem Markt in einem Sälchen der GaststätteTonhalle eingerichtet und wurde vorzugsweise von der Jugend angenommen.


Einige Meldungen zur politischen und gesellschaftspolitischen Ausrichtung des Martin Eck: 
Das Lokal wurde als Sitzungslokal für viele Vereine geführt.  Als Beispiel

- für die Turngemeinde Kohlscheid, für den Kaninchenzuchtverein Germania für Kohlscheid und Umgebung, für die Bühnengesellschaft Kohlscheid, für die Musikkappelle Harmonie.

- Die Kohlscheider SPD veranstaltet ihre Revolutionsfeier, Generalversammlungen und Vorstandssitzungen,

- Der Verband der Bergarbeiter Deutschlands,  Bezirk Aachen hat eine Funktionärsversammlung …. 

- Das Ortskartell der Freien Gewerkschaften hat bei Eck Mitgliederversammlungen.

Im weiteren Verlauf gab es zahlreiche Veranstaltungen
Bei einer Versammlung (20.04.1924) spricht in den „neuerbauten Riesensälen” des Martin Eck an der Südstraße ein B. Weingartz aus Aachen zu „Wohin des Wegs am 4. Mai?”; weitere Redner sind Bock und Amkreutz aus Kohlscheid.

28.9.1924 Der Sängerbund gibt im neuen Konzertsaal des Martin Eck („Neue Welt”, Südstraße 4) ein Wettstreit - Anschlusskonzert. Die Leitung hat Gymnasial - Musiklehrer Johannes Peltzer, als Solisten wirken aus Aachen der Tenor Heinz Lemm und der Bariton Willi Delhey mit. Der Kohlscheider Sängerbund ist Mitglied des Deutschen und des Rheinischen Sängerbundes.  (Programm, Karls-Chor Archiv)

 11.07. 1926 Heute ist bei Martin Eck (Südstraße 2) die öffentliche Gründungsversammlung des Arbeiter - Samariterbundes für Kohlscheid. Alle Arbeiter Kohlscheids sind zu der Gründungsversammlung eingeladen. Bei der Versammlung werden zuerst Zweck und Ziele der Vereinigung erläutert. Vor allem will man verunglückten Arbeitsbrüdern und -schwestern schnelle Hilfe durch die Einrichtung von Verbandstellen ermöglichen. Die Mitglieder des Roten Kreuzes werden aufgefordert, zum ASB überzutreten. Anmeldungen nimmt Wilhelm Linden, Rolandstraße 90, entgegen.

Als Beleg für die schwierigen Zeiten unter belgischer Besatzung hier noch eine kleine Geschichte, die nur zufällig mit der „Neuen Welt“ zu tun hatte:

09.09.1924; Auf dem Markt kommt es heute, Kirmesdienstag, gegen 2.15 Uhr zu einem Auflauf, weil vor der Wirtschaft von Martin Eck (Südstraße 2) an einem Auto ein Reifen zerstochen wurde. Ein Nutzer des Fahrzeuges schlägt auf einen möglichen Zeugen ein. Der Polizeibeamte Dohmen will eine sich anbahnende Schlägerei verhindern, erhält aber seinerseits einen Schlag.

Als Dohmen seine Mütze unter dem Wagen hervorholt, zieht einer der Fahrzeugnutzer einen Revolver. Trotz Aufforderung will er den Revolver nicht aushändigen. Vielmehr leistet er erheblichen Widerstand. Der Beamte Bartz schlägt mit dem Gummiknüppel zu. Nun geben die zwei fremden Männer ihre Handfeuerwaffen ab.

Weil es zwei belgische Zollbeamte in Zivil sind, sich als solche vorher aber nicht zu erkennen gaben. erhält der eine, der nicht betrunken ist, seinen Revolver sofort zurück; ihre Personalien werden nicht festgestellt.

Die beiden Polizeibeamten, gegen die Anklage erhoben wurde, spricht das belgische Kriegsgericht am 25.10.1924 frei.


Die weitere Entwicklung

1927 wird die „Gaststätte Bavaria Restauration“ in Zusammenhang mit dem Namen Martin Eck, zum letzten Mal im Adressbuch genannt.

Hans Blascheck übernimmt die Gaststätte. Er gibt ihr den neuen Namen „Hansa-Restaurant". Nach vollständigem Umbau eröffnet Hans Blascheck am 17. November 1928 die von dem Architekten  Carl Gibbels entworfene Gaststätte.

Neben Inseraten in den 1930er Jahren ist wenig bekannt. z.B. 1936:

„Gaststätte Hans Blaschek/ Südstr. 2/ Gepflegte Getränke/ Sonntags Konzert u. Tanz“

1933 fand eine für die damalige Zeit typische Versammlung statt. Die Meldung lautet:

„Bei den Haus und Grundbesitzern  spricht im Hause Blaschek der Syndikus Schwanz aus Aachen. Es sind: Pg. Wilhelm Forst der Vereinsführer, Pg. Matthias Weber der Schriftführer und Pg. Gerhard Ritzen der Kassierer. Die Mitglieder werden aufgefordert, ihre Häuser im Rahmen der Arbeitsbeschaffung renovieren zu lassen. 

Der Vorsitzende des Vereins spendet 100 RM aus dem Kassenbestand fiir Winternotbedürftige. Ortsgruppenleiter Gibbels übernimmt dieses Geld im Namen der „ersten SA - Kämpfer Kohlscheids, die jetzt - besonders durch den strengen Winter — arbeitslos sind. Den altbewährten SA-Kämpfem soll mit dieser Gabe eine Weihnachtsfreude bereitet werden."

Die Gaststätte war bei jungen Leuten bekannt als Tanz Treffpunkt.  Sonntags nachmittags war immer „Tanztee“

Über weitere Wirtswechsel finden wir in den Adressbüchern:

Im Adressbuch 1950 finden wir diese Annonce:
Kersebaum Max, Südstraße 2, Bavaria Restaurant Haus der guten Küche   Essener Aktion-Bier   Sonntags Tanz
Und unter der Aufzählung der Gastwirtschaften finden wir verwirrend zwei Einträge:
Forst, Wilhelm, Südstraße 2 und
Kersebaum Max, Südstraße 2

1957 Adressbuch: Bavaria Restauration  Prinzess K .G .-Offergelt                       

1962 Adressbuch: Woldeit Barbara

1968 Adressbuch: Lepahe Herta 

1975 Adressbuch: Feldmann Inge

1980 Adressbuch: Montenegro

1983 Adressbuch: GRGIC, Speise Restaurant -  Balkan Spezialitäten,  Inh. GRGIC

Annonce aus der Festschrift 70 Jahre KBC; H. Neitzel war zu dieser Zeit noch im Haus Remy; Foto Er. Hallmann

2013 Adressbuch Restaurant Oscar      ----Täglich wechselnde Mitagsaktionen  Montag bis Freitag ---- Kein Lieferservice --- Öffnungszeiten: Täglich von 12:00 bis 23:00 Uhr ---- Alle Gerichte auch zum Mitnehmen - oder einfach telefonisch bestellen und abholen
2020 Adressbuch, Oscar, Bistro, Restaurant, Grillhaus, Südstr. 2  Inh. Galip Turgut

Foto: Er Hallmann

Das Geschäftslokal Aldi, bis 1964 vormals Bavaria Theater steht seit dem Auszug Aldi leer; Foto: Er. Hallmann


*KO16 Imbiss China,  Südstraße 6, Imbiss    

*KO17 Moritz, Südstraße 8, Imbiss    

*KO19 Engels, Südstraße 53, Gastwirtschaft  


veröffentlicht 10.September 2026:
*Ko18 Konzerthaus Harff,  Südstraße 14, Gastwirtschaft, Konzerthaus; erste Nennung: zweite Hälfte 19. Jhdt. , Wirte: Friedrich Zimmermann, Josef Knauff, Hubert Harff, Herbert Harff, Ellen Harff;  2017 geschlossen, 2024 Umwandelung in „Dritter Ort“ durch den Verein Bürger Kohlscheid


Das Konzerthaus Harff in Kohlscheid

Das Konzerthaus Harff war auf allen Gebieten etwas Besonderes.

Der Standort und das Gebäude, die Wirte und ihre Mannschaften, das Angebot an alle, die Unterhaltung suchten, die unendliche Betriebsamkeit tagein, tagaus, die von den Vereinen geliebte Heimstätte, die große Bandbreite im Ansehen bei der Bevölkerung.
So ist es nicht verwunderlich dass fast alle meine Quellen sich zu dieser Institution äußersten.
Hier einige Schlagwörter: Balustrade, Tanzlokal, dr Pottluehn, Damenkapelle in weiß, Schlägereien, Tante Tütti, die bei Harff mitarbeitete, Viehhandel mit dem Odium der Undurchsichtigkeit, Hotaball, Vereinsgründungen, immer proppevoll, viel Musik  
Dank an alle, die zu diesem Bericht beigetragen haben. Dank an das Bilderarchiv des Heimatvereins.
Besonders danke ich Marlies Harff - Hennicken, Tochter des Wirts Herbert Harff, Jahrgang 1957. ich danke für Ihre interessanten und aufschlussreichen Informationen. So können wir, die Geschichtsfreunde, uns die Arbeit und die Gepflogenheiten der damaligen Zeit in einer großen Gaststätte vorstellen.
Vielen Dank an alle für Ihre Mühe.
Erich Hallmann


Lage / Situation
Unweit von  Kirche und Markt  in der oberen Südstraße, Hausnummer 14 gelegen.

Foto: E. Hallmann

Das Foto von 2024 zeigt links Gebäudeteil von Bestattungen Kaever, dann die drei Abschnitte Harff, dann die fünf Häuser ehemalig Moritz, Asia Imbiss, ehemalig Lederwaren Hündgen, ehemalig Aldi, Gaststätte heute Oscars.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken

Dieses Foto zeigt die Sicht von der oberen Südstraße in Richtung Dreieck.

Foto: Kohlscheid Archiv, geführt vom HV Kohlscheid        Dieses Foto ist aus der Slg. Zimmermann.

Franz Zimmermann schreibt dazu:
„Haus mit Torgebäude erbaut 1831 von Josef Peter Zimmermann. Wirtschaftsgebäude erbaut 1880 von Fritz Zimmermann.
Kohlscheid 1902, obere Südstraße. Linke Straßenseite, Restaurant Fritz Zimmermann, im Vordergrund mit Kind, heute Restaurant Hubert Harff. Rechts vom Torbogen (Eingang Paulusstraße,) Haus Körfer - Kaymer, Horbach – Remy, Wirtschaft Gillesen. Im Hintergrund Haus und Metzgerei des Juden Daniel Mayer. Rechte Straßenseite, die Häuser Kerf - Gillessen und etwas vorspringend Uhrmacher Willms.
Straße noch nicht gepflastert und kein elektrisches Licht.
F.Z. Dez. 1968“
Auf dem Foto sind die runden Fensterbögen gut zu sehen

Auszug aus Straßenspiegel Südstraße

Text zwischen den Bildern:
"Die historische Aufnahme zeigt die Südstraße mit Blick in Richtung Markt in der damaligen Gemeinde Kohlscheid um 1910. In alten Urkunden und amtlichen Verlautbarungen heißt die Straße im Jahr 1569 Rhein an der Scheid. Im Jahre 1769 wird sie als Weinstraße und im Jahr 1895 als Hauptstraße erwähnt. 1905 erhielt sie die noch heute gültige Straßenbezeichnung Südstraße. Links im Bild sieht man den Durchgang (Torbogen in der Häuserzeile) zur Paulusstraße. Eine Pferdeeisenbahn führte in den Jahren des beginnenden Bergbaus vom Markt über die Südstraße und verband die Grube Hankepank mit den Gruben Langenberg und Laurweg. Im Jahre 1904 führte eine Zweigbahn der Kleinbahn die Linie 29 von der Roermonder Straße über die Kaiser- und Südstraße zum Marktpunkt. Diese Linie wurde im Jahre 1922 stillgelegt. Heute zählt die Südstraße zu den Hauptgeschäftsstraßen im Stadtteil."

1906 Gaststätten in der Nähe:
Franz Joseph Becker (Germania),
Joseph Engels jr. (Markt),
Leo Engels (Südstraße 53),
Peter Gillessen, Hiddemann (vorher: Albert Boymanns, Markt 7),
Joseph Knops (Vier Jahreszeiten, später vom Schwiegersohn Gillessen übernommen),
Arnold Rehahn (Flora,Weststraße 93),
Joseph Schmitz (Markt, Tonhalle)


Wirte
Friedrich Zimmerman
Er wird als Wirt erstmalig in der Liste der Betriebssteuerrolle von 1899 in der Rubrik Wirtschaften aufgeführt. In der Liste der Gewerbetreibende in der Gemeinde Pannesheide von 1894 ist er noch nicht aufgeführt. 

1899 wird er unter „Schenkwirtschaften” in der Liste der Betriebssteuerrolle mit dem nicht gerade geringen Steuerbetrag von 3610 Mark genannt

Was eine „obligatorische Fleischbeschau“ bedeutete, weiß ich noch nicht. Aber ab dem 1.April 1898 wurde der Wirt Friedrich Zimmermann aus Kohlscheid für Kohlscheid als „Fleischbeschauer“ tätig.

Obligatorische Fleischbeschau

Die offizielle Meldung hieß:
1. April 1898;  Ab heute gibt es eine obligatorische Fleischbeschau; die Fleischbeschauer sind Gewerbetreibende und vertreten sich untereinander. Es werden als Fleischbeschauer tätig:
a)         der Ackerer Hermann Schmitz aus Kohlscheid für Pannesheide, Klinkheide, Mühlenbach und Kohlscheid (Haus Nr. 1-58/1), Schaubezirk 1 mit 2.631 Seelen;
b)         der Wirt Friedrich Zimmermann aus Kohlscheid für Kohlscheid (Haus Nr. 59 bis 182), Bank, Gracht, Viehweg und Kiefekey, Schaubezirk 2 mit 1.669 Seelen;
c)         der Geschäftsgehilfe Hubert Claßen aus Schützenheide für Vorscheid, Schützenheide, Roland, Schweier, Kesseles, Kircheiche und Laurweg, Schaubezirk 3 mit 2.257 Seelen;
d)        der Ackerer Josef Bindels aus Rumpen, er ist der Sohn des Försters Bindels, für Rumpen, Dornkaul, Berensberg, Hasenwald und Mitteluersfeld, Schaubezirk 4 mit 733 Seelen.

Das interessante an dieser Meldung sind die aufgeführten Ortsteile mit den „Seelenzahlen“ und die Hausnummern.
Josef(ph) Knauff

1904    Die Witwe von Friedrich Wilhelm Zimmermann wollte Anfang des Jahres ihre Gaststätte (Südstraße 14) dem Schwiegersohn Joseph Knauff übertragen.
Vermutlich brachte ein Verwaltungsmensch, der dieser Angelegenheit nicht gerade zugetan  war, diese Argumentation ins Spiel: -Weil es in Kohlscheid für 2.320 Einwohner bereits fünf Gast- und sieben Schenkwirtschaften gibt, besteht kein öffentliches Bedürfnis für eine neue Konzession.-  Dabei war es ja nur eine Weitergabe. So kam es, dass  die Konzession erst am 31.12.1904 im Rahmen einer Verwaltungsstreitsache erteilt wurde.

Foto: Kohlscheid Archiv, geführt vom HV Kohlscheid




Dieses Foto aus der Slg. Zimmermann ist mit dem handschriftlichen Kommentar versehen: 

 „Die Gaststätte im Jahre 1908            Damaliger Inhaber Josef Knauff. Schwiegersohn von Fritz Zimmermann, Frau Gertrud, geb. Zimmermann“ 
 EH: (gemeint ist Frau Gertrud Knauff)

Die handschriftlichen Aussagen auf dem Foto sind nicht anzuzweifeln. 

Die Informationen aus den Spuren von Josef Aretz zu einem Wirt Knauff von nach dem Krieg, also 1915 und 1921, sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten:
Der Rat erhöht ab 01.10.1915 die Sätze zur Unterstützung der Familien einberufener Soldaten. Die Gemeinde verkauft die Kartoffeln zu 0,08 M/kg. Der Wirt Knauff, der mit dem Verkauf beauftragt ist, erhält eine Vergütung von 0,01 M/kg.

08.08.1921      Der Bürgermeister beantragt für den Metzger (?) und Wirt Alois (?) Knauff (*20.10.1860) das Verdienstkreuz für Kriegshilfe. Knauff stellte schon zu Kriegsbeginn, als der Verkauf von Lebensmitteln durch die Gemeinde begann, bereitwilligst seine beiden komplett eingerichteten Lokale (?) zur Verfügung. Ihm konnte der Verkauf von Lebensmitteln übertragen werden, der stets ordnungsgemäß abgewickelt wurde. Auch wurden ihm anvertraut: die Fleisch-, Butter- und Fettverteilung sowie die Abrechnungsarbeiten. Bei der Lebensmittelkartenausgabe und bei statistischen Erhebungen wirkte Knauff immer engagiert mit. Seit 1916 ist Knauff Angestellter der Gemeinde. 
(Altakten Kohlscheid 28/29)

Wurde die Wirtschaft bereits 1916 an den Nachfolger übertragen? 

Hubert Harff
Der Name Harff erinnert an die Berichte von Pfarrer Michel zu Haus Heyden, Herrschaft Jülich usw. Das Geschlecht der Harffs wird in Verbindung mit vielen Besitztümern in den Berichten zu Gutshöfen genannt.
Reizvoll wäre eine Recherche zu einer eventuellen familiären Verbindung.

Zum Wirt Hubert Harff fanden wir eine erste Meldung erst 1922.
1922 wurde eine Liste aller Vereine für die Besatzungsregierung erstellt.
In dieser Liste erscheint die „Reisetauben Gesellschaft Vorscheid“ mit den Namen der Vereinsverantwortlichen. Unter anderem wird der Wirt Hubert Harff genannt.
In den Adressbüchern werden genannt:
1927  Konzerthaus Harff,  Hubert Harff
1933 Harff Hubert, Südstr. 14
1934  Harff. Hubert. Tel. 291. Südstr. 14    
1936 Harff. Hubert. Tel. 291. Südstr. 14
1950, 1957, 1962  Konzerthaus Harff, Harff Hubert

Neben seiner Tätigkeit als Wirt machte er auch Geschäfte als Schweinhändler. Über den Umfang und die Abwicklung hörten wir zwar viel, aber gesicherte Aussagen liegen nicht vor. Wer kann hierzu etwas beitragen?

Herbert Harff
Wann die Übergabe passierte ist auch hier unklar. Vielleicht gibt der Eintrag im Adressbuch von 1968 einen Hinweis. Der Vorname im Eintrag ist Maria. Nun hießen beide Gattinnen Maria.  Naheliegend ist eine Übergangszeit mit der Witwe von Hubert.

Ellen HarffTochter von Herbert Harff

Wann die Übertragung an die Tochter Ellen war und wie lange sie als letzte Wirtin der Wirtschaft tätig war, ist ebenso unbekannt.
In den Adressbüchern von 1980 und 1985 gibt es keinen Eintrag mehr.

Bauliche Entwicklung der Wirtschaft

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken

Im Laufe der Jahre wurden desöfteren die Fenster geändert. Siehe Fotos Slg. Zimmermann Fenster mit Rundbogen.

Hubert Harff machte 2 Anbauten zu seinem Grundstück in der Paulusstraße hin. In einem Gebäude war ein Schweinestall für seinen Viehhandel. Nach dem Krieg übernahm die Schreinerei Kaever dieses Gebäude und das Gelände. In einem der Gebäude war später die Schreinerwerkstatt.
Die untenstehenden Fotos: Slg. Marlies Harff-Hennicken;  Hubert und Maria Harff auf dem Hof vor einem Anbau; auf einem Bild Sohn Herbert

Auch die Fassade und die Fensteraufteilung  wurden nach dem Krieg geändert.
In den Jahren ? bis 2025 war im linken Teil auf Höhe der Bühne ein Geschäft für Damenwäsche.
Offen: Wann wurden die Bühne und die Galerie gebaut? Wo genau war die Galerie? Ht jemand ein Bild von der Galerie? Bitte melden

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken; Postkarte aus Jahr ?, Titel: Konzert-Cafe Harf

Zu sehen sind die Bühne mit dem Aufgang, 9 Stufen. Der offene Teil unter der Bühne und davor war die Tanzfläche. Rechts ist eine Zapftheken zu sehen. Die Türe hinter der Theke führte zu dem Sälchen. Hinter dem Mauervorsprung war die Türe zu den Toiletten und zum Aufgang zur Galerie. Von der Galerie konnte man auf die Tanzfläche sehen. Ca. 12 Vierertische hatten Platz auf dieser Etage.

Jetzt (2026) wird wieder umgebaut für den „dritten Ort“ vom Kohlscheider Bürger Verein.

Ein Haus der Begegnung, der Musik und der Geselligkeit

Von der Gastwirtschaft zum Mittelpunkt des örtlichen Lebens
Wer heute auf die Geschichte Kohlscheids zurückblickt, stößt immer wieder auf einen Namen: Harff. Die große Gastwirtschaft an der Südstraße war offensichtlich weit mehr als ein Ort, an dem man lediglich einkehrte, etwas trank oder ausnahmsweise eine Mahlzeit einnahm. Das Konzerthaus Harff war ein Veranstaltungsort, Vereinslokal, Treffpunkt und gesellschaftlicher Mittelpunkt.
Das lag nicht zuletzt an seiner Größe. Das Haus konnte mehrere hundert Gäste aufnehmen. Ein solches Haus musste seinem Publikum deshalb auch ein entsprechend vielseitiges Angebot machen. Die erhaltenen Nachrichten und Zeitungsberichte vermitteln einen eindrucksvollen Eindruck davon, wie unterschiedlich die Veranstaltungen waren: Konzerte und Bälle, Karneval und Tanz, Vereinsversammlungen,  politische Zusammenkünfte, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Familienabende und sogar außergewöhnliche Veranstaltungen wie ein 24-stündiger Dauertanz.
Gerade diese Mischung macht die Geschichte des Hauses so interessant. Harff war kein Veranstaltungsort für nur eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe. Sportler, Musiker, Sänger, Karnevalisten, Schützen, politische Parteien, Arbeiterorganisationen und viele andere Vereine nutzten die Räume.
Die Geschichte des Hauses lässt sich dabei besonders anschaulich in drei Abschnitten betrachten: die Zeit vor der nationalsozialistischen Herrschaft, die Jahre der NS-Zeit und die Nachkriegszeit.

Vor der NS-Zeit: Eine erstaunliche Vielfalt

Schon vor dem Ersten Weltkrieg gehörten Gaststätten in Kohlscheid zum gesellschaftlichen und Vereinsleben. Die Quellen zeigen beispielsweise, dass 1895 in der Restauration Zimmermann an der Südstraße eine Versammlung des Nadler-Unterstützungsvereins stattfand. Auch der Vereinsbetrieb benötigte feste Räumlichkeiten: 1907 wurden die Geschäftsstunden dieses Vereins sonntags von 9 bis 10 Uhr in der Gaststätte des Josef Knauff abgehalten.
Für die Entwicklung von Harff als großem Veranstaltungsort sind insbesondere die 1920er Jahre aufschlussreich. Immer wieder begegnet uns das Haus als Vereinslokal und als Schauplatz musikalischer und geselliger Veranstaltungen.
1921 wird Harff beispielsweise als Sitzungslokal der Reisetaubengesellschaft Vorscheid genannt. Wenige Jahre später, 1929, wird das Haus zum Vereinslokal des KBC. Dort fanden unter anderem für den Verein Silvesterbälle, das Stiftungsfest des Vereins, Kostümbälle und Familienabende mit Tanz statt.
Damit wird bereits deutlich: Das Angebot richtete sich nicht nur an ein Konzertpublikum. Vereinsmitglieder kamen zu Versammlungen ebenso wie zu Festen und Tanzveranstaltungen.
Musik spielte eine besonders wichtige Rolle
Einen hervorragenden Einblick in die musikalische Vielfalt gibt das Jahr 1928. Die Musikvereinigung und das Trommler- und Pfeiferkorps Kohlscheid-Nord veranstalteten damals zahlreiche Konzerte, Bälle und andere Veranstaltungen. Bei Harff fand unter anderem ein Frühkonzert statt. Das Trommler- und Pfeiferkorps feierte dort außerdem sein 18. Stiftungsfest.
Noch deutlicher wird die Bedeutung der Gaststätten für das kulturelle Leben in einem Bericht vom Januar 1928. In mehreren Kohlscheider Gaststätten – darunter ausdrücklich Harff – fanden an den Wochenenden des Monats Orchester- und Künstlerkonzerte statt.

Fotos:  E Hallmann; Lokalanzeiger Kohlscheid 1927

Das Konzerthaus Harff war damit Teil einer lebendigen örtlichen Kulturszene.
Besonders eindrucksvoll ist ein Bericht vom Rot-Kreuz-Tag am 9. Juni 1928. Nach der Weihe der neuen DRK-Vereinsfahne gab es bei Harff ein Unterhaltungskonzert der Musikvereinigung. Anschließend folgten Sportveranstaltungen, ein Festzug, Tanz, Volksbelustigungen und ein Feuerwerk.
Das zeigt sehr schön, wie eng die verschiedenen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens miteinander verbunden waren: Musik, Vereine, Sport, Wohltätigkeit, Umzüge und Unterhaltung.

Karneval und Originalität
Auch der Karneval nahm einen wichtigen Platz ein. 1929 veranstaltete das Korps Kohlscheid-Nord bei Harff einen Kostümball. Für den Spielmannszug Vorwärts gab es eine Kappensitzung. Außerdem gab es den „Großkampftag“, bei dem Kohlscheid-Nord gegen das Korps Gelsenkirchen antrat.
Das Programm war also keineswegs eintönig. Die Gäste konnten sich verkleiden, tanzen, Musik hören, humoristische Darbietungen erleben oder bei Vereinsveranstaltungen dabei sein.
Im Herbst 1927 spielte die italienische Damenkapelle Bonnie in ihren Nationalkostümen auf.

Foto: E Hallmann; Lokalanzeiger Kohlscheid 1927

Und auch die Arbeiterwohlfahrt nutzte Harff. 1929 veranstaltete sie dort ein Frühkonzert mit dem 30 Mann starken Orchester der Musikvereinigung. Am Abend folgte ein Konzert mit humoristischen Beiträgen und Karnevalsstimmung.

Die Jahre der NS-Zeit: Das Vereinsleben verändert sich

Mit dem Jahr 1933 änderte sich die politische und gesellschaftliche Situation grundlegend. Das zeigt sich auch in den Quellen über Harff.
Besonders deutlich wird dies am Beispiel des KBC. Bei einer außerordentlichen Versammlung am 26. März 1933 wurde der Verein im Vereinslokal Harff von den Nazis „gleichgeschaltet“. (siehe https://geschichtsfreunde-kohlscheid.de/nicht-vergessen-teil-1/ )
Der bisherige Vorsitzende Obersteiger Ochs wurde nun zum „Vereinsführer“. Auch die weiteren Funktionen des Vereins wurden neu festgelegt.
Für die Geschichte des Konzerthauses ist dieser Vorgang deshalb bedeutsam, weil er zeigt, dass die politischen Veränderungen des Jahres 1933 nicht vor den Türen der örtlichen Vereine Halt machten.
Das Vereinslokal wurde damit auch zu einem Ort, an dem sich die politischen Veränderungen unmittelbar im örtlichen Vereinsleben widerspiegelten.
Gleichzeitig ist bei der Betrachtung der NS-Zeit Vorsicht geboten: Die vorliegenden Informationen sind sehr rar. Viele Verwaltungsunterlagen wurden kurz vor Flucht der Verwaltung vor den Amerikanern vernichtet.

Nach dem Krieg: Harff wird wieder zum Treffpunkt

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erscheint Harff erneut sehr deutlich als Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.
Die ersten Beispiele sind besonders berührend, weil sie zeigen, dass es nach den Jahren des Krieges nicht nur um Vergnügen ging. Am 15. Dezember 1948 veranstaltete die Kohlscheider Arbeiterwohlfahrt in der Gaststätte Harff eine Weihnachtsfeier für Kinder. Drei Tage später folgte dort eine Weihnachtsfeier für ältere Menschen.

Harff war damit auch ein Ort sozialer Begegnung.
Schon 1949 kehrte die Geselligkeit sichtbar zurück. Die Maijungen von Kohlscheid-Mitte veranstalteten ihren Mai Umzug; anschließend fand der Maiball im Konzerthaus Harff statt. 1950 wurde der Maiball ebenfalls dort gefeiert.

Foto: Kohlscheid Archiv, geführt vom HV Kohlscheid

Das Bild zeigt die Maikönigin von 1968 im Prunkwagen. Dahinter schreiten in einer Eleganz die Maijungen von Kohlscheid. Näheres zum Maibrauch hier und hier
Auch zu sehen sind der Torbogen und die Fenstergestaltung im Haus Harff.

Der ungewöhnliche Dauertanz
Eines der kuriosesten Ereignisse der gesamten Überlieferung stammt aus dem Jahr 1949.
Im Konzerthaus Harff begann ein Mann namens Alberto einen Dauertanz über 24 Stunden. Was bis dahin vor allem aus Amerika bekannt gewesen sei, wurde nun auch in Kohlscheid möglich. Der Zeitungsbericht kommentierte das Ereignis allerdings mit der ironischen Frage:
„Ob Alberto nichts Besseres zu tun weiß?“
Gerade dieses Ereignis vermittelt einen Eindruck vom Lebensgefühl der Nachkriegszeit. Nach Jahren von Krieg, Zerstörung und Entbehrung entstand wieder Raum für Unterhaltung, Tanz und – gelegentlich – auch für etwas Skurriles.

Vereinsleben in den 1950er Jahren
In den frühen 1950er Jahren entwickelte sich Harff erneut zu einem wichtigen Treffpunkt der Kohlscheider Vereine.
1951 traf sich dort die Interessengemeinschaft Kohlscheider Vereine, um einen neuen Vorstand zu wählen. Bürgermeister Bremen und Gemeindedirektor Spix waren anwesend. Es wurde unter anderem über gemeinsame Martinszüge und die Zusammenarbeit der Vereine gesprochen.

Auch die politische und soziale Arbeit fand bei Harff statt.
1952 gab es dort wiederholt gemeinsame Funktionärssitzungen von SPD und Arbeiterwohlfahrt. Es wurde über Delegierte, Kommunalwahlen und Hilfsmaßnahmen gesprochen. Die Arbeiterwohlfahrt konnte unter anderem Hilfsbedürftige unterstützen.
Damit wird die ganze Bandbreite des Hauses deutlich:
Bei Harff wurde gefeiert – aber auch beraten, organisiert und geholfen.
Musik, Gesang und Vereinsstolz
Eine weitere Besonderheit ist die enge Verbindung mit dem Kohlscheider Musik- und Gesangsleben. Die Quellen zeigen, dass Musik und Vereinsaktivitäten weiterhin eine Rolle spielten. Ein besonders bemerkenswertes Beispiel stammt aus dem Jahr 1945.
Am 24. Mai 1945 nahmen Mitglieder des Orchestervereins unter dem früheren Dirigenten Peter Joseph Preuth ihre Probenarbeit wieder auf. Dem Wirt Hubert Harff wird dabei zugeschrieben, die Instrumente der Musiker gerettet zu haben. Der Orchesterverein stellte außerdem Mitglieder, Instrumente und Noten zur Verfügung, damit sich die EBV-Kapelle neu gründen konnte. Später übernahm Hermann Kornatz nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft die Leitung des Orchestervereins und der EBV-Kapelle.
Diese Episode ist besonders interessant, weil sie die Bedeutung eines solchen Hauses über reine Veranstaltungen hinaus erkennen lässt. Die Gastwirtschaft und ihr Wirt waren offenbar mit dem örtlichen Musikleben eng verbunden.

Am 16. Juni 1952 wurde der MGV (Männer Gesang Verein) Eintracht nach einem erfolgreichen Wettbewerb in Bernkastel-Kues in Kohlscheid ehrenvoll empfangen. Der Chor hatte dort in seiner Klasse den ersten Platz erreicht. Der anschließende Festabend fand bei Harff statt. Für Chorleiter Willi Jansen war dies ein besonderer Erfolg, denn es war bereits der 25. Wettbewerb, an dem er als Dirigent mit einem Chor teilgenommen hatte.
Das Konzerthaus war somit auch Bühne für den örtlichen Vereinsstolz. Erfolge außerhalb Kohlscheids wurden zu Hause gefeiert.
Auch die Trommler- und Pfeiferkorps gehörten zu diesem Vereinsleben. 1951 kam bei Harff der Festausschuss des Trommler- und Pfeiferkorps Vorwärts zusammen.

Karneval, Tanz und die Freude am Feiern
Besonders reichhaltig war das Karnevalsangebot. Einige Beispiele:
Ab 1950 feierten die Angestellten des Gaststättengewerbes nach Aschermittwoch ihr Karnevalsfest in den überfüllten Räumen der Gaststätte Harff.
1952 trat dort die Aachener Bürgerwehr mit einem großen Programm auf, anschließend gab es einen Kostümball. Auch der MGV Eintracht veranstaltete eine karnevalistische Veranstaltung bei Harff.
Am 23. März 1952 fand bei Harff ein „bunter Abend“ statt, der gemeinsam von SPD, Arbeiterwohlfahrt und Frauengruppe veranstaltet wurde.
Noch ein anderes Beispiel zeigt die enorme Anziehungskraft des Hauses: Im November 1952 feierten die Martinus-Schützen aus Kämpchen ihr Königsfest. Der Schützenball fand am Abend bei Harff statt. Die Veranstaltung war so stark besucht, dass viele Besucher wegen Überfüllung keinen Einlass mehr fanden.
Ein Haus, das mehrere hundert Menschen aufnehmen konnte, war offenbar dennoch gelegentlich zu klein.

Was machte Harff so besonders?
Wenn man die zahlreichen Beispiele zusammen betrachtet, wird eine außergewöhnliche Vielfalt der Nutzung sichtbar.
Harff war:
  • Vereinslokal,
  • Konzertsaal,
  • Tanzsaal,
  • Karnevalssaal,
  • Treffpunkt für politische Gruppen,
  • Ort sozialer Veranstaltungen,
  • Schauplatz von Schützenfesten,
  • Ort für Familienabende,
  • Bühne für Musiker und Sänger,
  • Treffpunkt der örtlichen Vereine
  • und sogar Schauplatz eines 24-stündigen Dauertanzes.
Diese Aufzählung macht deutlich, warum das Konzerthaus Harff für die Ortsgeschichte von Kohlscheid interessant ist.
Es war nicht einfach eine Gastwirtschaft, die gelegentlich Veranstaltungen anbot. Vielmehr scheint sich hier ein erheblicher Teil des öffentlichen und geselligen Lebens abgespielt zu haben.

Die Bilder: Ein Blick in die damalige Welt
Besonders wertvoll sind deshalb die überlieferten Bilder.

Die Damenkapelle
Ein Bild aus den 1950er Jahren zeigt eine Damenkapelle, die ganz in Weiß gekleidet auftrat.
Die einheitliche Kleidung war nicht nur praktisch, sondern dürfte auch Teil der Bühnendarstellung gewesen sein. Das Bild macht damit etwas sichtbar, was eine Zeitungsnotiz allein nicht vermitteln kann: Musik war nicht nur etwas zum Anhören, sondern auch eine Inszenierung.
Leider ist mir dieses Bild abhanden gekommen. Ich suche und verzweifle. Wenn es ein Bild gibt, gibt es vielleicht auch einen weiteren Abzug. Hat jemand zufällig dieses Bild?
Sie liebe Leserschaft bitte ich jetzt mal, sich diese Damen mit Blas- und Zupfinstrumenten, weißer Hose und weißem Jackett vorzustellen.
Mein Vorschlag für die Bildunterschrift war:Musik als Unterhaltung und als Bühnenerlebnis: Die Damenkapelle tritt bei Harff ganz in Weiß auf. Das Foto vermittelt einen Eindruck von der damaligen Veranstaltungsatmosphäre.“

Die Ziehharmonikaspieler
Ein weiteres überliefertes Bild zeigt ein Konzert der Ziehharmonikaspieler aus Kohlscheid.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken;

Kohlscheider Musikleben bei Harff: Konzert der Ziehharmonikaspieler. Solche Auftritte gehörten zur vielfältigen Unterhaltung im Konzerthaus.

Gerade solche Bilder ergänzen die schriftlichen Quellen. Sie erinnern daran, dass das Kohlscheider Musikleben nicht allein von großen Orchestern geprägt war. Auch kleinere Musikgruppen und örtliche Musiker gehörten zur Unterhaltung.
Wer hat noch weitere Bilder von Aufführungen bei Harff? Bitte melden.

Schluss: Ein Spiegel des Kohlscheider Lebens
Die Geschichte des Konzerthauses Harff lässt sich vielleicht am besten als Geschichte eines Ortes der Begegnung beschreiben.
Vor der NS-Zeit treffen wir hier auf eine lebendige Vereins- und Musikkultur mit Konzerten, Bällen, Karnevalsveranstaltungen und Vereinsfesten. In den Jahren der NS-Herrschaft zeigen die Quellen, wie die politischen Veränderungen auch das örtliche Vereinsleben erreichten. Das Beispiel der Gleichschaltung des KBC im Jahr 1933 macht diese Entwicklung besonders deutlich.
Nach dem Krieg wird Harff erneut zu einem wichtigen Treffpunkt. Weihnachtsfeiern für Kinder und ältere Menschen, Maibälle, politische und soziale Veranstaltungen, Konzerte, Schützenfeste und Karneval zeigen einen Ort, an dem die Menschen wieder zusammenkamen.
Und dann gibt es die kleinen Besonderheiten, die Geschichte lebendig machen: eine Damenkapelle ganz in Weiß, ein Konzert der Ziehharmonikaspieler oder ein Mann namens Alberto, der 1949 tatsächlich 24 Stunden lang tanzen wollte.
Vielleicht liegt gerade darin die Originalität des Konzerthauses Harff: Es hatte nicht nur ein Angebot. Es bot Raum für sehr unterschiedliche Menschen, Vereine und Interessen.

Harff war Bühne, Vereinsheim, Festsaal und Treffpunkt zugleich.

Foto: E Hallmann 2024

 Erinnerungen der Gastwirtstochter Marlies Harff-Hennicken 

Vorbemerkung von Erich Hallmann
Um mehr über das legendäre Konzerthaus Harff zu erfahren, nahm ich Kontakt zu Marlies, geborene Harff, auf. Sie wurde 1957 geboren und bekam als Kind und Jugendliche den Hochbetrieb in der Gaststätte in der Nachkriegszeit unmittelbar mit.
Nein, sie bekam ihn nicht nur mit – sie war regelrecht in das gesamte Geschehen eingebunden.
Im Juni 2026 erzählte sie mir ausführlich aus ihrem Leben und von ihren Erinnerungen an die Gaststätte. Vieles davon sind ganz persönliche Erlebnisse, die zeigen, wie sehr die  Gaststätte das Leben der Familie bestimmt hat.
Hier lesen Sie ihre Erinnerungen an die Gaststätte und an die Menschen, die dort ein- und ausgingen.
Das Gespräch fand am Anfang Juni 2026 statt. Weitere Abstimmungen folgten im August.
MHH = Marlies Harff-Hennicken,  EH = Erich Hallmann

Marlies Hennecken Harff erzählt zur Gaststätte Konzerthaus Harff
MHH:
 Mein Großvater kaufte das Gebäude in der Südstraße. Ob er aus der Gastronomie kam, weiß ich nicht. Ich vermutete bis vor kurzem, er sei Bergmann gewesen, wie so viele.
Mein Großvater Hubert war der beste Ringer in der Region. Jedes Wochenende wurden irgendwo Kämpfe ausgetragen, und er war dabei. Meistens kam er als Sieger nach Hause. Die Wettkämpfe fanden in Gaststätten auf einem Saal oder in Zelten statt.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken; Hubert Harff

Seine Familie war groß. Er hatte neun Geschwister. Warum er den Entschluss fasste, das Haus in der Südstraße zu kaufen, wurde bei uns zu Hause nie erzählt.
Aber durch seine Ringkämpfe kam er in viele Wirtschaften und sah, was sich dort tat. Vielleicht war das der Auslöser, selbst eine solche Wirtschaft zu führen und als Wirt sein Geld zu verdienen.
Ich meine, das war schon eine glänzende Leistung: In einer Familie mit neun Geschwistern den Mut zu fassen, Unternehmer zu werden – mit Hauskauf und allem, was dazugehört. Von der Familie war keine finanzielle Unterstützung zu erwarten.

EH:
Wenn Sie sagen, Ihr Opa hat das Haus gekauft, haben Sie irgendwelche Dokumente zu diesem ganzen Anwesen?

MHH:
Dokumente nicht - ich habe noch alte Fotos, aber nicht viele.

Großvater baut Anbauten und einen Stall für den Viehhandel
Die Nachbarn waren auf der einen Seite Kaever und auf der anderen Seite, hinter dem Torbogen, (später) Moritz. Die Anbauten gingen nach hinten. Der Bau des Schweinestalls stand separat.

EH:
Der Torbogen selbst – wem gehört er?

MHH: 
Ich habe das von meinem Opa Hubert so erzählt bekommen.
Der Bogen musste ja schon einmal alle zehn Jahre gestrichen werden.
Als ich einmal raufgekommen war – das war sehr selten, dass ich Zeit hatte, hochzugehen, in die Wohnung der Großeltern –, sagte er: „Tja, der N., der will wieder nicht streichen.“
Da habe ich ihn gefragt: „Opa, was ist denn nun wieder?“
„Ja, die eine Wand von dem Bogen gehört uns und die andere Wand dem Otto N. Ich will streichen und der N. nicht.“
Und so zankten die beiden sich ständig.
Also meines Erachtens gehörte der Bogen meinem Opa und die eine Wand dem N.
Über dem Bogen ist der Teil einer Wohnung. Da haben meine Großeltern, der Hubert und seine Frau, gewohnt. Der Eingang war links neben dem Bogen.

EH:
Aha, auf dem ganzen Bogen. Das ist ja insofern interessant, als mich die Kinder der Grundschule Kohlscheid Mitte bei Ortsführungen immer fragten: Was ist das für ein Ding und wie kommt es zu diesem Durchgang?
Wenn ich mit den Kindern auf einem Rundgang durch Kohlscheid von der Schule durch die Paulusstraße ging, dann zeigte ich ihnen links das große Kino und dann den Instrumentenbauer da unten.

Foto: E. Hallmann, 2024

Zu dem Foto: im Vordergrund die Rückseite der Gebäude der rechten Straßenseite der Südstraße, Mitte rechts: Alt Bayern, Die linke Seite der Südstraße: Bestattungen Kaever, drei Gebäude von Konzerthaus Harff, dann Zwischengebäude bis zum alten Kino mit dem großen Gebäude. Mitte links sind das leer stehende Gelände hinter Harff und die Paulusstraße.

Foto: E. Hallmann. 2024,

Zu dem Foto:  links, das große Gebäude, ehemaliges Kino; rechts davon wieder die Zwischengebäude bis zu den drei Gebäuden von Harff. Der Vorbau vor dem linken der drei ist die besagte Wohnung des Instrumentenbauers.

MHH: 
Ja, das ist der Herr Leuchter, das ist mein Nachbar.
Das Haus hatte mit uns nichts zu tun. Das war von August Klinger und seiner Frau. Die hatten nur zwei Zimmer: unten ein Zimmer und oben ein Zimmer. Oben war das Schlafzimmerchen. Aber da konnte man nicht stehen, man musste den Kopf einziehen.
Und ja, da haben die bis zu ihrem Tod gewohnt. Sie hatten ein Kind.
Wir hatten eine Verbindung zu denen. Wir hatten ja unten unsere normale Küche.
Da war ein kleines Fensterchen. Wenn ich da klopfte, machte die Tante Ännie auf und sagte: „Kind, bist du wieder am Kochen?“ Dann machte sie das Fensterchen wieder zu.
Also man konnte praktisch bis zu denen in die Küche gucken.
Ja, und ich glaube, das ist auch heute noch so. Also das kann man heute noch sehen.
Mein Vater sagte immer: „Hier wird nicht gekocht. Sonst geht der Geruch in die Wirtschaft hinein. Dann bekommen die  Leute Hunger und gehen nach Hause“.  Diese Küche war immer blitzblank sauber und aufgeräumt.
Wir hatten noch eine andere Küche, die sogenannte Pratschküche,  in einem Anbau Richtung Hof. Da wurde für uns gekocht, also für alle Leute. Dort wurden große Mengen bewältigt. Diese Küche wurde jeden Abend gesäubert.

EH:
Gehört euch das Haus heute noch?

MHH:
Nein, das ist von der Stadt Herzogenrath.

Die Wirte
MHH: 
Bei uns zu Hause drehte sich alles nur um die Wirtschaft. Ein Privatleben kannten die Großeltern und Eltern nicht.
Großvater und Vater waren in allem, was sie taten, Wirte.
Der Wahlspruch war: „Zeit ist Geld.“
Von wann bis wann mein Großvater Hubert die Wirtschaft führte, weiß ich nicht.
Mein Vater hieß Herbert. Er wurde am 19. November 1928 geboren und ist am 3. Juli 2013 gestorben. Ab wann genau mein Vater die Wirtschaft hatte, weiß ich auch nicht. Aber der Übergang war fließend.
Ich erinnere mich: Mein Opa hatte ein gewisses Alter und er war mega streng. Mein Vater hatte darunter schon zu leiden.
Opa hatte einen Stammplatz. Dort stand sein Stuhl und da durfte sich kein anderer hinsetzen. Er hatte alles im Blick.
Als mein Vater das Geschäft übernommen hatte, konnte mein Opa von dort aus kontrollieren, ob mein Vater alles richtig machte.
Ich sage mal ein Beispiel: Wenn man früher ein Bier bekam, stand auf dem Glas „Wicküler“. Wenn jetzt die Schrift „Wicküler“ nicht zum Gast zeigte, schrie mein Opa schon: „Herbert!“
Da wusste mein Vater, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Und mein Vater sagte nichts. Das gab es nicht. „Man widerspricht nicht seinen Eltern.“
Das war der Geist, der bei uns herrschte.

Und dann ist mein Großvater gestorben. Sein Sohn Herbert, mein Vater, war in das Geschäft hineingewachsen. Für alle stand immer fest, dass er der Nachfolger werden würde. Eine andere Wahl hatte er gar nicht.
Und so hatte er die Wirtschaft viele Jahre lang.
Als mein Vater ein gewisses Alter erreicht hatte, übernahm meine Schwester Ellen die Wirtschaft.
Das wurde ihr in die Wiege gelegt. Bei ihrer Geburt „verpflichtete“ mein Vater alle Beteiligten:
„Die Gaststätte soll nicht zugemacht werden!“
Und zum Säugling sagte er:
„Du wirst meine Nachfolgerin!“

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken;

Zu dem Foto: (l) Marlies, (r ) Ellen  Beide Schwestern ausnahmsweise hinter der Theke. Marlies hatte andere Aufgaben. Der Qualm, der auf dem Foto zu sehen ist, stammt von einer Zigarre.

Der Spitzname „Pottluehn“
MHH: 
Also, keiner wusste so genau, was mein Großvater von Beruf war. Erst vor kurzem erzählte mir eine alte Verwandte (83 Jahre alt), dass er Ofenbauer war.  Damals wurden die fertigen Öfen mit Pottasche geschwärzt. Wenn der Opa nach Hause kam, war er immer sehr schwarz.

EH:
Auszug aus dem Buch  „Öcher Platt“ von Will Hermans:
Pottäisch = Pottasche
Pottlueh = Ofenschwärze
„Du schwazz Micke. Haß dich wahl met Pottlueh jewäische?“
Du schwarze Mücke, hast dich wohl mit Pottasche gewaschen?
pottlueh(n)e = schwärzen
„De sitt uus wie dr jepottluehnde Düvel.“
Der sieht aus wie der geschwärzte Teufel.
„Me pottlueht de Fornöis.“
Man schwärzt den Herd.
Das ist die nachvollziehbare Ursache für den Spitznamen Dr Pottluehn.




Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken; Großvater mit seiner Tochter Maria aus erster Ehe, seiner zweiten Frau und dem kleinen Hubert, meinem Vater.

Die Gaststätte fasste bis zu 500 Personen
Hausaufbau und zwei Theken
EH:
Ich behaupte jetzt einmal: Das Ursprungshaus ist dort, wo der Torbogen ist.
Auf alle Fälle wurde das Haus in drei Teilen gebaut aber die drei Einheiten wurden geschickt verbunden. So wurde daraus  eine große Gaststätte mit mehrren Theken. Eine Theke ist im Haus am Torbogen. Der Eingang war immer im mittleren Haus.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken

Diese Situation des Eingangs ist auch heute noch unverändert. Links die Theke und rechts der Eingang.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken

Herbert Harff hinter seiner Theke. Interessant ist das blaue Schild links oben. Es heißt darauf: „Notausgang Poelsjaasz„ Die Türe führte aber nicht nach draußen, sondern zur (sauberen) Küche.
MHH:
Genau, so ist es. 
Aber Moment, es gab zwei Theken: Die von meinem Vater war am Torbogen, und die Theke meiner Mutter war im Sälchen.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken; Herbert und Maria Harff

Dieses Foto zeigt eine Ausnahmesituation. Meine Mutter hatte immer ihre eigene Theke.
Die sieht man jetzt aber nicht mehr. Ich nehme an, die Anschlüsse sind noch da.
Also, das kleine Sälchen ist der Raum, wo jetzt neben dem Bürgerverein gearbeitet wird. Die haben ja zwei Räume.
Anmerkung EH:  Beim Vergleich der Zapfanlagen sieht man einen großen Unterschied. Was nun wo stand oder steht, wird am besten an Ort und Stelle geklärt werden können.

MHH:
Von der Südstraße aus gibt es drei Eingänge. Der obere Eingang am Torbogen ist der Eingang zur Küche, zur Wohnung über dem Bogen und zur ersten Etage.
Die mittlere Tür führte zur Wirtschaft und zur gesamten Wirtschaft.
Die große Tür im unteren Gebäude führte zum großen Saal mit der Tanzfläche, der Bühne für die Musik.
Die kleine Türe ganz unten führte zu einem Gang unter der Bühne zum Hof hin.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken; Maria Harff an einer Theke für besondere Anlässe wie Sylvester, große Feiern etc.

EH:
Ich muss noch auf eines zu sprechen kommen. Ich war sehr erstaunt, als ich eben hörte, dass 500 Leute dort Platz nehmen konnten.
Mit der Bühne und der Galerie muss das ja ein sehr großer Raum gewesen sein.  Als die Galerie zugemacht wurde, wurde es natürlich weniger. Und heute ist ja vieles weggebaut worden.
Da ist heute eine Wand. Man hat im Grunde von der gesamten Wirtschaft in ihrer Ganzheit nichts mehr. Man sieht nicht mehr von einem Raum in den anderen.
Ist irgendwie geplant, dass das wieder einmal geöffnet wird?
MHH:
Dann müssen Sie hier den Verein fragen. Das weiß ich nicht.
Da kann ich nichts dazu sagen, ob die eine Wand einziehen, einreißen oder nicht.
Ich finde es schade, dass es nicht mehr so groß ist.
Damals gingen, wenn es brechend voll war, 500 Mann hinein.

Das breite Angebot

EH:
Diese Größe musste genutzt werden. Da musste immer etwas unternommen werden.
Wie war das Angebot für die Gäste? Welche Anreize gab es, in diese große Gaststätte zu kommen?

Vereine
MHH:
Zuerst kommen wir zu den Vereinen.

Der Radfahrverein „Sturmvogel“
Ich weiß, dass die Radfahrer mit Kornel Kropp groß vertreten waren.
Mein Vater war eigentlich auch Mitbegründer des Radfahrervereins zusammen mit Kropp. Obwohl mein Vater nie Fahrrad gefahren ist.
Aber er konnte sich in die Sache hineinversetzen und hat viel für den Verein „Sturmvogel“ getan.
Da waren ja permanent irgendwelche Versammlungen und so weiter.
Und in den Festschriften wird auch immer erwähnt, dass unter den Spendern mein Vater, der Gastwirt Harff, sei.

Tauben
MHH:
Dann zu den Tauben. Wenn ein Wettflug anstand, war tagsüber etwas los. Die hatten auf dem Kirmesplatz so ein Taubenauto. Sie trafen sich zuerst mit den Tauben bei uns.
Wenn alle zusammen waren, nahmen sie ihre Kistchen mit den Tauben und gingen auf den Kirmesplatz. Dort setzten sie die Tauben in das Auto.
Das Auto fuhr die Tauben zu dem Ort, an dem der Start war. Dort wurde der Verschlag hochgemacht und die Tauben waren in der Luft.
Dann saßen die Besitzer zu Hause stundenlang und suchten mit dem Fernrohr den Himmel ab. Wenn die Taube ankam, kamen die Besitzer oder die Kinder der Besitzer zu uns und ließen alles registrieren. Und die erste Taube, die ankam, hatte gewonnen.
Wettflüge waren nur über das Wochenende.
Natürlich kamen die Vereine auch zum Feiern und Tagen zu uns. Das war dann das Geschäft. Von den paar Bierchen zwischendurch bei einem Wettflug konnte man nicht leben.

Turnverein
EH:
Welcher Verein war noch mehr da?

MHH:
Der Turnverein Kohlscheid. Da war ich Mitglied.
Das war so: Ich wäre ja gern Turnen gegangen. Da hätte ich mal etwas Freizeit gehabt.
So habe ich meinem Vater immer in den Ohren gelegen: „Papa, ich möchte gern in die Halle in der Oststraße zum Turnen gehen.“
Sein Kommentar: „Du kannst hier turnen.“ Ich konnte fragen, wie ich wollte, ich durfte nicht zum Turnen. Das ging sicher anderthalb Jahre so. Dann kam die Bedingung: „Wenn du willst, dann musst du deine Schwester mitnehmen.“ Meine Schwester wollte nicht turnen!
Ich war hartnäckig. Ich wollte keinen Kompromiss machen. Ich bestand darauf:
„Ich will turnen. Und ich will da hin.“ Dann hatte er die Idee: „Wenn die hier als Vereinslokal kommen, dann kannst du turnen gehen.“
Eines Tages kam er und sagte: „Ich habe mit Matthias Derissen  gesprochen. Du kannst ab Montag turnen gehen.“
Ja, und der Turnverein hatte dann bei uns das Vereinslokal, wo man sich traf. Einmal im Monat zur Sitzung, also zur Versammlung. Dazu kamen Weihnachtsfeiern, Jubiläumsfeiern und Siegerehrungen. Das war alles dann bei uns.
Aber nicht das Training. Das war unten in der Turnhalle. Ich bin 36 Jahre im Turnverein gewesen.

Freßklub
EH:
Das habe ich noch nicht gehört. 
MHH: 
Das sagt ja schon das Wort. Das waren mehrere Leute, die sich etwa einmal im Monat trafen und dann bei uns essen konnten.
Sie bestimmten, was wir kochen mussten – zum Beispiel Sauerkraut, Eisbein, Grünkohl, vor allem Flesch, alles, was sie zu Hause nicht hatten. Sie entschieden, was sie essen wollten.
Ob sie sich selbst so nannten weiß ich nicht; wir sprachen immer vom Freßklub.
EH: Normal wurde Essen bei euch nicht angeboten.
MHH:
Ja, nur für diese Gesellschaft  wurde auf Bestellung gekocht, was sie wollten, und zwar in großen Mengen. Sonst gäbe es ja keinen Freßklub. Die Mitglieder wollten sich einmal im Monat etwas gönnen. Das war in den 1960er-Jahren.
EH:
Wie viele Leute waren das ungefähr?
MHH:
Vielleicht 10 Personen. Das mussten nicht immer wie beim Muschelessen 50 bis 100 Portionen für die EBV-Kapelle sein.

Sonstige  Spiele, Treffen
MHH:
In einem Sälchen stand ein Billardtisch.
Schach wurde auch gespielt. Der Vorsitzende war Leo Wamper. Zu Turnieren weiß ich nichts mehr.
Natürlich trafen sich die Stammgäste zum Skatspielen.
Wir hatten auch zwei Geldspielautomaten. Die waren von dem Wolter aus der Katharinenstraße aufgestellt worden.

Veranstaltungen
Konzerte
EH:
Da kommt ein anderes Stichwort, das bei euch natürlich eine Rolle spielte und deshalb hieß es ja auch Konzerthaus.
Dort wurden Konzerte veranstaltet und es waren Gesellschaften da, die bei euch probten. Das war die EBV-Kapelle, aber das hat nichts mit dem Namen Konzerthaus zu tun.
MHH:
Ja, die EBV Kapelle kam nur zum Proben. Auf der Bühne stand das eigene Klavier der Kapelle.
Anfangs gaben Sonntagsmorgens Mandolinen- oder Akkordeon Vereine ein Konzert.
Ich erinnere Gruppen aus Ungarn und aus Berlin, also nicht nur von hier, sondern auch von weit weg. Sie kamen mit Bussen, übernachteten. Es waren sagen wir ca. 50 Personen, die nur Akkordeon spielten, oder 70 Leute, die nur Mandolinen spielten.
So ist das Haus zum Konzerthaus geworden. Nachher wechselte mein Vater zur Tanzmusik.
EH:
War denn auch der Männergesangverein dort?
MHH:
Das weiß ich nicht.

Tanz
EH:
Wie kam Ihr Vater denn an die Kapellen, also an die Musikleute?
MHH:
Ja, da war ja auch so ein Ding. Donnerstags war die Kneipe zu. Und dann durften wir Mädchen mit meinem Vater – es hieß „Spazierengehen“.
Zuerst ging es zum Krichels Hein (Wirt Banker Eck). Das war der beste Freund meines Vaters. Und dann hat er in weiteren Wirtschaften ein paar Bierchen getrunken. Weiter ging es dann zu Fuß nach Holland.  Dort hatte er Kontakte zu den Lokalen in Bleyerheide, wo die ausländischen Kapellen, also die Molukken spielten. Die machten tolle Musik.
Mein Vater hörte sich dann an einem Wochenende die Musik in all den Kneipen an. Dann wurde verhandelt: Für den Monat Mai die, für den Juni die und so weiter. So ist er dann an die Musikkapellen gekommen.
Später spielten dann auch Musiker aus Kohlscheid.
Jedes Wochenende war Tanz.
Die Leute wussten: man muss keinen Eintritt bezahlen, das Bier kostet genau so viel, wie an jedem Tag.
 Mein Vater hielt sich nicht groß an Sperrzeiten auf, die Gäste konnten feiern so lange sie wollten, bzw. solange bis mein Vater den Schluss aussprach und kein Getränk mehr ausgegeben wurde.
Wenn die Wirtschaft leer war, war aber noch nicht wirklich Schluss.
Alle die, die gearbeitet hatten bekamen noch ein warmes Essen. Das hatte ich natürlich vorbereitet.

Wochenendbetrieb und Schlägereien
EH:
Ein anderes Thema noch.
Sie sagten eben, dass am Wochenende ein großes Publikum da war –Samstag, Sonntag – mit allem Drum und Dran, mit allem, was laut war, und so weiter, vielleicht sogar Schlägereien.
MHH:
Jede Menge, jedes Wochenende.
Für  Samstag und Sonntag müssen Sie sich das so vorstellen: Ich war mit im Haushalt, meine Schwester war mit in der Kneipe.
Wir waren oft bis zwei, drei Uhr nachts auf, um in der „Bude“ zu arbeiten. Ich sage ehrlich, an so einem Sonntagmorgen hatten wir höchstens anderthalb bis zwei Stunden geschlafen, wenn überhaupt.
Und, wir waren der beste Kunde bei Imperatori.
In der Küche stand ein alter Schrank mit Butzenscheiben. Fast jedes Wochenende waren die kaputt.  Immer wieder gerieten Krachmacher oder Schläger in den Bereich der Küche. Dann geriet so mancher Ellenbogen oder Faustschlag in die Scheben.
Dann schrie morgens mein Vater wieder: „Jank no der Bote Pitt.“ Ich ging die Nordstraße runter und klingelte bei dem Glasermeister Imperatori.
„Onkel Bot, habe ich immer gesagt, du sollst wieder kommen.“
„Ich weiß, Kind. Ich habe die Maße von den Scheiben.“
Das war fast jedes Wochenende.
Das waren die aus der Menage, aus dem Wohnheim, wo die auswärtigen Arbeiter drin waren. Wenn die besoffen waren, schlugen die sich.
Ich weiß noch gut: Mein Opa war ja Ringer. Er war zwar klein, aber hatte starke Arme. Der fackelte nicht lange. Wenn sich zwei schlugen, nahm er sie am Hemdkragen oder an der Jacke und dann ging es zur Tür hinaus.
Einmal hatte er hat sich die beiden Schläger hochgenommen und es ging zur Türe. Da habe ich einmal geschrien: „Opa, Opa, warte, der 57er Bus kommt!“  „Dat is mir egal, leck mi a Masch.“ Und er hat sie einfach so zur Tür hinausgeworfen. Dann schrie er den beiden nach:
„Wagt euch nicht mehr zu kommen!“
Ja, da war’s. Da hatten die Leute natürlich Respekt vor.
Mein Vater konnte das nicht.  Ich sage ja: Mein Vater war ein Lamm.

Zur Kirmeszeit
MHH:
Ja, hören Sie mal. Wissen Sie noch, wie früher immer der Mandele Leo kam, mit den gebrannten Mandeln? Da roch die ganze Wirtschaft danach. Er sah lustig aus, der kleine Mann mit Schürze und dem Körbchen. Laut verschaffte er sich Aufmerksamkeit:
„Mandele, Mandele, jebrannte Mandele, das Tütchen für …“
Die Gäste kauften dann bei ihm ein Tütchen und der Leo trank sich ein Bierchen.
Ach, das waren Zeiten mit der Kirmes. Das war alles so schön. Und heute ist Kohlscheid kaputt. Hier ist doch nichts mehr. Hier, da, wo ich wohne, ist tote Hose.
Nein, das wird nicht mehr kommen. Ich bin ganz ehrlich, das tut mir auch leid.

Karneval

MHH:
Mein Vater war ein absoluter Karnevalsgegner. Ich habe ihn nie mit einem Hütchen einer Nase oder so etwas Buntes gesehen, will schweigen von einem Kostüm. Aber das Geschäft musste ja gemacht werden.
Fettdonnerstag war Möhnentag. Die Frauen kleideten sich schwarz und trugen Masken. Sie tranken mit Strohhalmen.
Sie betrachten es als ihre Aufgabe, den Männern die „Wahrheit“ zu sagen. Sie verstellten ihre Stimme. Ich erkannte aber viele an den Schuhen oder auch an den Händen, wenn sie keine Handschuhe trugen.
Abends dann war der Möhnenball. Natürlich waren wenig Männer da. Die Möhnen feierten und  tanzten ungehemmt und ausgelassen. Natürlich spielte unsere Kapelle den ganzen Abend.
Samstag, Sonntag und Montag war Straßenkarneval. Zum Frühschoppen kamen schon viele. Andere zogen von Wirtschaft zu Wirtschaft.
Es wurde viel getrunken und gesungen, besser gesagt gegrölt. Einige wenige fanden nicht nach Hause.
Heute kaum zu glauben, wenn ich spät in der Nacht schlafen gehen wollte, fand ich einige Male in meinem Bett einen Besoffenen, der seinen Rausch ausschlief.
Ich musste dann irgendwo mehr schlecht als recht schlafen. Nach zwei Stunden, dann hieß es Putzen. Punkt neun Uhr musste alles glänzen, dann fing der Frühschoppen an.
Dass es an diesen Tagen hoch her ging, zeigt eine andere Geschichte. An einem dieser Tage kam lange vor Öffnung ein Gast und klopfte hartnäckig. Mein Vater schickte ihn weg, aber er klopfte weiter. Mein Vater machte auf. Der Mann: Herbert, ich hab mein Gebiss verloren.“ „Dann geh es nur suchen“. Der Mann kam zurück und behauptete: Herb, ich han erer  zwei fonge, e passt“. (Herbert, in habe zwei gefunden, eins passt.)
Das waren wilde Zeiten.
Bei uns wurde immer der Hota-Ball veranstaltet. Das war etwas Besonderes.
Der Hota-Ball fand in der Fastenzeit statt. Da hatten die Kellner und alle, die während der Karnevalstage Dienst hatten, ebenfalls ihren Ball. Der war freitags nach Aschermittwoch.
Dann kamen alle Kellner in schwarz mit ihren Frauen. Sie konnten ja während der Karnevalstage nicht zusammen feiern.
Und das hieß später nicht mehr Hota-Ball. Das war ja dann schon zu ordinär. Später hieß es Kellnerball.

Muschelessen
MHH:
Na ja, auf jeden Fall war das Arbeit, viel Arbeit für mich.
Wir boten an: Am Freitag gibt es Muscheln.
Dafür musste man sich aber anmelden, denn es gab nur 50 bis 100 Portionen.
Damals wurden die Muscheln noch nicht so zum Kochen vorbereitet geliefert wie heute.
Das muss man sich so vorstellen: Die Lieferung kam in großen Säcken. Die wurden auf dem Hof in eine Wanne ausgeschüttet.
Dann durfte ich mich bei Regen, Kälte, Frost und Schnee draußen im Hof hinsetzen. Die Muscheln gab es ja nur in den kalten Monaten. Alle die mit –r- endeten
Ich alleine war für die Muscheln zuständig. Die mussten zuerst gewaschen und gespült werden. Nicht einmal – nein, so lange, bis kein Sand mehr zu fühlen war.
Dann wurden die „Bärte“ abgerissen. Das war bei einigen leicht. Bei den meisten musste aber das Messer zum Aushebeln mehrmals angesetzt werden.
Und ja, dann wurden die Muscheln verkauft.
Ich durfte aber keine essen. Ich durfte keine Muschel essen: „Das ist Geld.“ Also habe ich noch nie im Leben eine Muschel im Mund gehabt.
Ich muss aber auch dabei sagen: Ich habe bis heute, mit 69 Jahren, noch nie einen Tropfen Alkohol im Mund gehabt.

Normalbetrieb und Vorbereitung
MHH:
Der Opa hat das Haus gekauft und nach hinten heraus angebaut. Übernommen hat es mein Vater, Herbert. Und später dann meine Schwester.
Also, meine Mutter ging noch in Würselen bei Singer arbeiten.
Mein Vater war dann tagsüber alleine mit den Stammgästen. Gegen Abend kamen dann die ganzen Vereine.
Während der letzten Schuljahre habe ich oft den Haushalt alleine gemacht. Und ich war für die Sauberkeit der Bühne und der Tanzfläche eingeteilt.
Die Tische waren damals mit richtigen weißen Tischdecken gedeckt.
Welche Menge wir gewaschen haben! Es gab nicht die Waschmaschinen, wie sie heute sind.
Wir hatten da so einen Bottich mit einer Stampfe und einer Wringpresse.
Die ganzen weißen Tischdecken mussten gewaschen, gestärkt und gebügelt werden.
Also, da war jeden Tag Arbeit hoch 20.
Die „Bude“ musste auch jeden Tag sauber gemacht werden.
Die Böden, die Fenster, die Theken, die Garderobenständer – alles wurde gewischt, abgestaubt und so weiter.
Und dann noch Folgendes:
Jeden Morgen, den Gott erschaffen hatte, machte mein Vater mit Sidol die Theke und den Zapfhahn sauber. Sidol einreiben, eine Stunde warten, mit Wolllappen blank reiben, fertig. 
Warum machte er das? „Damit de Lü sich do dre kicke könne“. (Damit die Leute sich darin sehen können.) Während der Wartezeit las er dann die Zeitung.
 

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken

Also, das war sein Ritual.

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken

Vater Herbert (links mit heller Strickjacke) mitten unter seinen Stammgästen; übrigens auf dem Stammplatz seines Vaters Hubert sitzend.

EH:
Zum Normalbetrieb gehörte auch das Trinken auf Kredit; im Volksmund auf Puff genannt. Der Deckel, der unter dem Bierglas steht um den feuchten Fuß nicht auf die Tischdecke zu stellen, hat ja die viel bedeutendere Funktion die gebrachten Bier mit einem Strich zu dokumentieren. Der Deckel wurde nicht bezahlt, dann bis zum nächsten Tag zurückgelegt. Gab es das auch bei euch?

MHH:
 Ja, viele Deckel lagen sogar bis zum Monatsende in einem abschließbaren Schrank gut verwahrt und wurden aus der Lohntüte bezahlt. Zuhause bekam manche Frau eine fast leere Tüte.
Die Folge war, dass die Frau ihren Mann schon vor der Grube oder vor unserer Wirtschaft abfing. Die Deckel mussten aber bezahlt werden. So gab es immer Auseinandersetzungen.
Die Frauen reklamierten und verlangten ihren Mann nicht mehr zu bedienen. Mein Vater wusste, dass das nicht wirklich half. Die Männer wären dann irgend anderswo hingegangen. Dann geben sie ihm doch nur zwei Bier, forderten einige. Auch das war in der Praxis nicht möglich, denn mein Vater hätte mehrere Männer als solche kennen und dran denken müssen, dass er nur zwei Bier geben dürfe. Und auch dann wären sie in die nächste Kneipe gegangen.

Einkauf
Biersorten: Wicküler und Bitburger
Ausgeschenkt wurde Wicküler Bier.

Foto: E Hallmann; aus Slg. Marlies Harff-Hennicken

Foto: Slg. Marlies Harff-Hennicken

Es waren zwei unterschiedliche Biermarken aus unterschiedlichen Jahren. Nach vielen Jahrzehnten wurde Wicküler gekündigt. Dann gab es Bitburger. Seither steht das auf dem Transparent.

Kohlen und Schlamm

MHH:
In Kohlscheid, in der Annastraße, gab es den Kohlenhändler Andres. (sehr wahrscheinlich der Vorname;  wer dazu etwas weiß, bitte melden)
Der brachte uns Anthrazitkohle, normale Kohle und Schlamm.
Aber die Südstraße ist ja nicht breit.
Mein Vater kündigte in der Küche immer die anstrengende Arbeit an: „Denkt dran, wenn der Andres kommt, dann wird geschaufelt.“
Früher hieß der Bus noch 57, heute heißt er 54. Also, bevor der 57 kam, musste alles im Keller sein, sonst kam der 57 nicht vorbei.
Ja, da haben wir geschaufelt wie die Berserker. Da haben wir zwar geheult, aber ob wir heulten oder nicht – die Straße musste frei sein. Alles musste in das Kellerloch hinein.
Das gibt es ja heute noch.

Kühlung – Eis von Corneli
MHH:
Unser Keller war kühl, aber nicht kühl genug für Bier.
Eine Theke hatte keine Kühlung, wie es sie später gab. Es gab keine Kühlschränke und so. Es gab Stangeneis. Jeden Freitagnachmittag wurde Eis angeliefert.
Ein Mann hatte einen Jutesack auf der Schulter und darauf gepackt Eisstangen. Er musste mehrmals gehen. Wie viele Eisstangen kamen, weiß ich heute nicht mehr. Aber es war eine große Menge. Er schichtete sie nicht auf. Nein, er ließ sie gerade fallen, wo es ihm gefiel.
Dann musste ich das Eis klein machen.
Mein Vater zeichnete die Größe der Kammer an. So groß musste das Eisstück sein – nicht kleiner und nicht größer –, damit es in die Kühlung der Zapfanlage passte.
Damit blieb das Bier angenehm gekühlt.
Ich musste mir den Eispickel nehmen, so jung, wie ich war. Ich war vielleicht neun, zehn oder elf Jahre alt. Da musste ich die dicken Eisstangen teilen und zerstückeln.
Und das machte ich mit einem Eispickel und Handschuhen, damit mir die Finger nicht abfroren.
Ich weiß nicht, wie ich das alles geschafft habe.
Mit dem Hammer und dem Pickel arbeitete ich, bis das Eisstück die richtige Größe hatte.
Dann musste ich es hineintragen und in die Kammer legen.
Und wenn Freitag war, dann war das Eis geschmolzen. Dann stand das ganze Ding voller Wasser.
Das Wasser musste vor der Anlieferung de neuen Eisstangen wieder heraus.
Das war nicht eine Kammer, sondern es waren fünf Kammern, die leer gemacht werden mussten. Wissen Sie, wie viele 10-Liter-Eimer ich geschleppt habe, um das Wasser herauszuschaffen und auf dem Hof auszuschütten?
Ja, das kann man heute kaum glauben.
Der Lieferant war Corneli aus Würselen. Er brachte die Spirituosen, Sekt und Wein.
Ob er auch das Bier lieferte, das weiß ich nicht mehr. Das Bier wurde in der Südstraße in das Kellerloch auf ein gepolstertes Kissen fallen gelassen. Dann wurde es im Keller aufgestellt, aber gekühlt wurde oben an der Theke.

Personal
Kellner
MHH:
Wir hatten zwei Stammkellner.
Da war der Hein Prömper mit seiner Frau. Die waren Jahrzehnte bei uns.
Und dann Christian Z. aus der Weststraße mit seiner Frau. Die haben ja auch Jahrzehnte bei uns gekellnert. Er hatte den Spitznamen „dr Pefferbüll“.
Dann hatten wir eine Frau aus Kämpchen, die ebenfalls Jahrzehnte bei uns gearbeitet hat.
Also war immer Stammpersonal da.
Und da waren noch welche. Einer hieß Harry, er war Italiener.
Aber die Hauptakteure waren der Prömpesch Hein und seine Frau.
Ich erinnere mich an eine Situation: Ein Kellner wurde krank, und zwar der Harry.
Und dann weiß ich noch, dass mein Vater hier in der Küche geschrien hat: „Leck mich am Arsch, jetzt ist der Harry auch noch krank. Wat fang ich denn jetzt ohne Kellner an?“
Und ja, keiner sagte etwas.
Das muss wohl jemand in der Wirtschaft mitgekriegt haben und hat lachend gesagt: „Mein Gott, stellen Sie sich doch nicht so an. Kellnern kann doch jeder.“
Oh, das war jetzt was für meinen Vater: „Ach ja, kellnern kann jeder. Kannst du das denn auch?“
Und der Mann ist tatsächlich dann gekommen. Er wurde eingekleidet und hat dann gekellnert.
Die Kellner wurden von uns eingekleidet. Wir hatten einen Schrank mit den weißen Jacken, den schwarzen Hosen und den Hemden. Das wurde alles bei uns gewaschen.
Und jetzt kommt’s:
Meine Schwester hatte sich in den Mann verliebt.
Nachher, als das Geschäft nachgelassen hatte, war der Pömpesch Hein beim Kießling.
Der Onkel Hein – das war mein Heiligtum. Über den lasse ich nichts kommen.
Mit den Kellnern hatte mein Vater eine Absprache. Zu Beginn einer Veranstaltung gab es einen Topf mit so vielen Losen, wie es Kellner gab.  Wer den „Hauptgewinn“ zog musste die Galerie bedienen. Das waren dann immer viele Stufen rauf und runter, am ganzen Abend viele Male.

Thekenhilfen
MHH: 
Genauso wichtig wie die Kellner waren die Thekenhilfen. Bier zapfen, Spirituosen abfüllen, Gläser spülen, Flaschengetränke auffüllen und Leergut wegbringen. Viele, viele Jahre lang waren die Billa Derissen, Thea Bechholtz, genannt Waida, Frau Wals und Oma Mia, geb. Einerhand und ihre Schwester dabei.

Foto: Marlies Harff-Hennicken;

Das Foto zeigt Omas Schwester Elisabeth, ein Kellner, Oma Mia, geb. Einerhand.

EH:
Es gibt mehrere Fotos mit Kohlscheiderinnen hinter den Theken. Da auch Gäste auf den Bildern sind zeige ich diese Bilder nicht.  

Aber da war dann ja auch noch die Tante Tüttü.
Leider gibt es kein Bild von  „Tante Tüttü“. Sie war oft an Wochenenden zum Helfen bei Harff. Sie stammte von einem Bruder des Hubert Harff ab und war verwandt mit einem Zweig der Vorfahren meines Schwiegervaters.. In dieser großen Familie wurde sie Tüttü gennnt.

Letzte Station Dritter Ort

Foto: E. Hallmann

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Bei dem langen Leerstand nutzten nur noch die Unkräutchen die ausgetretenen Stufen. 
Um 2017 wurde die Gaststätte endgültig geschlossen und das Gebäude an die Stadt Herzogenrath verkauft.
Danach stand die Gaststätte leer bzw. wurde als Lagerraum genutzt – bis sie im Oktober 2024 vom Verein Kohlscheider Bürger als „Dritter Ort Konzerthaus Harff“ wiedereröffnet wurde.
Ich wünsche dem Verein weiterhin gutes Gelingen. Bisher ist es gelungen, viele der positiven Errungenschaften des ehemaligen Konzerthauses Harff fortzusetzen.
Wenn das so weitergeht, dann wird Kohlscheid ein großes DANKE sagen.

Erich Hallmann



*KO29 Katjas Cafe, Südstraße, Cafe  


*KO20 Dreieck, Südstraße 100, Schankwirtschaft  

integriert im Bericht "Der Dreieck" siehe dort Inhaltsverzeichnis: Dr Dreijeck


Weststraße

* KO06 Imbiss Bonni , Weststraße 1, Imbiss


*KO27 Olers  Schaffrath, Weststraße, 6 Cafe

integriert im Bericht "Bäckerei Conditorei Café Olers / Schaffrath"


*KO31 Ristorante Amore, Weststraße 23, Restaurant

*KO01 Leisten,  Weststraße 59, Schankwirtschaft  

*KO02  Rehahn,  Weststraße 93, Gastwirtschaft

Klinkheide          

*KL07 Ottengrafen, Holzerstraße 62, Schankwirtschaft  

*KL08 Linde, Nordstraße 72, Gastwirtschaft

*KL09  Küppers ,Nordstraße 108, Imbiss  

*KL01 Hilgers, Projektstraße 11, Schankwirtschaft

*KL06 Leisten, Klinkheider Straße 11, Schankwirtschaft

*KL02 Winkens, Klinkheider Straße 76, Schankwirtschaft

*KL03 Wirtz, Klinkheider Straße91, Gastwirtschaft

*KL05 Moers, Schulstraße18, Gastwirtschaft

*KL04 Goertz, Schulstraße34, Gastwirtschaft


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