Kohlscheid, Südstraße

Der Dreieck in Kohlscheid



Dr Dreijeck (gesprochen: Dreij_eck)

Die Bezeichnung kommt sehr wahrscheinlich von -Dreiecksplatz-. 
Den Platz hat man im Laufe der Zeit geschlabbert und übrig blieb -der Dreieck-.

Zur Erläuterung:

Ordnungsnamen

Früher gab es in jedem Ort als Orientierungsangabe die Ordnungsnamen. Sie bezeichneten mehr oder weniger genau, welche Stelle gemeint war. Eindeutig waren zum Beispiel in fast jedem Ort -der Markt, -an der Kirche oder -an dem Pfuhl, dr Pool.
So gibt es in Kohlscheid seit über 150 Jahren den Dreieck. Ganz früher Dreijkäntche genannt.
Erst seit 1909 gibt es Straßennamen in allen Ortsteilen der Gemeinde Kohlscheid (früher Pannesheide genannt) mit Hausnummern. Damit konnten Briefe auch erst seit dieser Zeit eindeutig adressiert werden.
Im Sprachgebrauch (Scheeter Platt) besteht der Orientierungsname „Dreieck“, dr Dreijeck weiterhin bis heute.

Einteilungen für den Dreieck

Um ein Ziel am Dreieck näher zu bezeichnen gibt es die Einteilungen:
näver dr Dreijeck, an dr Dreijeck, hänger dr Dreijeck, vör dr Dreijeck, dr Dreijeck

Näver dr Dreijeck:

Zum Beispiel die Spedition Alfons Körfer
Bis 1955 in der Josefstraße ansässig, danach in der Einsteinstraße Nr. 49.
Es gab den intensiv grünen Lastzug. Wenn der Herr Körfer seine Tagestour erledigt hatte, fuhr er den Lastzug in die rundgeformte große Garage. Ein Tor ist in der Einsteinstraße und ein Tor in der Kaiserstraße. Der Zug stand nie auf der Straße. Herr Körfer fuhr nämlich eine gefährlich Fracht. Er fuhr Dynamit für den EBV. Mit Dynamit wurde der Vortrieb im Streb gesprengt. Wenn man fragt, wo ist der Dynamit Körfer, dann wurde geantwortet: näver dr Dreijeck.

An dr Dreijeck:

Das Modegeschäft Klee
Zur Zeit beherbergt das Ladenlokal ein GYM Center, davor war es das Lokal des Elektrogerätehändlers Langer (2021) und davor lag es jahrelang leer.
In den Aufbaujahren, ab den 1950ern des letzten Jahrhunderts, hatte der Einzelhändler Klee den Mut, ein Geschäftshaus für Konfektion zu bauen. Alle Kohlscheider deckten ihren längerfristigen Bedarf nicht in Kohlscheid. Man fuhr nach Aachen, sicherlich auch um ein Tässchen Kaffee zu trinken. Kleidung ließ man schneidern. An fertige Kleider musste man sich gewöhnen.
Herr Klee zeigte den Kohlscheidern die Alternative. Unten im Kellergeschoß fanden die Herren fertige Hemden, Hosen, Anzüge, Mäntel etc. und im Erdgeschoss wurden die Damen fündig. Blusen, Röcke, Jackenkleider, Kleider, Hosen, Mäntel. Ob auch Hüte, ist nicht bekannt, denn die Hut- und Putzgeschäfte in der Weststraße hielten sich noch lange, bis in die 60er Jahre. Eingepackt wurde das Gekaufte in eine Tüte mit der Abbildung des Glückbringers - ein vierblättriger Klee.  Der Werbespruch der Firma Klee: „Klee macht Mode – Mode mit Pfiff“.

Moden Klee

Klee, AM DREIECK Anzeige in einer Festschrift von 1984

Papa Nigrin
Vor dem Bau des Geschäftes war das Grundstück nur ein kleiner Platz. Wir Kinder liefen dorthin wenn es hieß: "der Papa Nigrin ist da". Papa Nigrin war ein schwarz gekleideter Mann, der sich auf dem Platz parat machte. Er bestieg seine Stelzen. Hohe Stelzen, denn nun kam er uns riesig vor. Er machte Reklame für Schuhcreme, hauptsächlich für schwarze; wer hatte schon farbige Schuhe? Vom Dreieck aus ging seine Werbetour durch die Südstraße bis zum Markt und bestimmt auch weiter. Wir Kinder durften aber nur bis zum Markt. Papa Nigrin verteilte Pröbchen, kleine runde Miniaturdöschen mit schwarzer Schuhcreme. Weil er sich nicht tief genug bücken konnte, um sie in die Hand zu geben, warf er die Döschen den Leuten zu, die sich mittlerweile am Straßenrand aufgestellt hatten.
So ging also das Spiel los, was wir auch vom Rosenmontagszug her kannten. Wir sprangen jedem Döschen nach und so manches Mal gab es eine Rempelei. Für eine Rauferei hatten wir keine Zeit; es flogen ja schon wieder die nächsten Döschen.
Wenn wir nach Hause kamen, wurde erzählt: dr Papa Nigrin wor an dr Dreijeck. ich han och jet Schongswex metbraat.
Dreieck

Dijon, Südstraße, Haus von 1909. Foto E. Hallmann

 Das Haus Südstraße 102 am Plätzchen wurde 1909 gebaut. Hier war die Metzgerei Dijon. Nach Betriebsaufgabe siedelte sich hier der Imbiss „Am Dreieck“ an. Auf Platt: an dr Dreijeck.

Hänger dr Dreijeck

Die Apotheke und die Josefstraße
Gegenüber von Haus Südstraße Nr. 104 ist die Straße am Wacholder, früher Josefstraße.
Ein Stück die Josefstraße hinunter in Richtung Trappebersje,  auf der linken, also auf der Scheeter Seite, war der alte Bauernhof Rocks. Aus dieser Landwirtsfamilie sind für Kohlscheid wichtige und bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen.
1898 legte der Gemeinderat die Josefstraße als Grenze zwischen Vorscheid und Kohlscheid fest. Mit Kohlscheid war die allseits bekannte Bezeichnung dr Scheet gemeint.
Das heutige Raumausstatter Geschäft Sommer , Südstr. 81, war früher die Falken Apotheke, Hier war der Apotheker Dr. Hilden.
Da die Apotheke zu Vorscheid gehört und der Dreieck aber ein Teil vom Scheet ist, sagt man ab dem Apothekenhaus - hänger dr Dreijeck.



Das Bild ist aus 1955. Zu sehen sind die Einmündung in die Josefstraße, rechts die Falken Apotheke und links das Zigarrengeschäft Handels und die Maijungen. 

Das Bild stammt aus einem Film von Herrn Eihmer. Die Rechte an diesem Film hat Karl Schlebusch gekauft. Wir dürfen den Ausschnitt zeigen.  

Weiter an dr Dreijeck

Zigarren Handels  
Auf der Ecke Josefstraße / Südstraße Nr. 79 war eines der fünf Kohlscheider Zigarren- und Tabakgeschäfte -Zigarren Handels-.
Im Sortiment waren Zigaretten in Pappschachteln, Zigarillos in Kartonschachteln, Zigarren in Holzkisten. Es gab außerdem Tabake der verschiedensten Geschmacksrichtungen und den noch üblichen Kautabak,  de Prumm Schick   genannt. 

Eisenwaren Eichenbaum
Im Haus Nr 77 war das Eisenwarengeschäft Gebrüder Eichenbaum. Einer der Brüder wohnte in der Weststraße und Franz wohnte über dem Geschäft. Franz war ein begabter Unterhalter. Jeder Kunde wurde allerschnellstens taxiert und entsprechend angesprochen und behandelt. Verkauft wurden Herde, Fahrräder, Beschläge aller Art. Die Laune am Wochenanfang bestimmte unter anderem der Erfolg oder Misserfolg des KBC am Wochenende; vor allem aber das Miteinander beim Wettkampf der Turnerriege der DJK. Franz war die gute Seele und der Motivator der Turnerriege. Es gibt einige schöne Geschichten, die bei anderer Gelegenheit erzählt werden.

Vor dem Haus Nr. 77 betrieb Eichenbaum auch eine Tankstelle, bevorzugt für Kräder, Mopeds und Motorräder. Es gab eine Säule mit Shell Benzin und einen rollbaren Öltank. Aus Öl und Benzin wurde das Gemisch für die Zweitakter vorort gemischt- ähnlich wie ein Butterfaß gestoßen wird.  Das Benzin wurde in einem Eisentank unter der Auffahrt gelagert.
Klingeldeckel Eichenbaum

Klingeldeckel Eichenbaum, (c) E. Hallmann


Einerhand
Im Adressbuch 1912 wird aufgeführt: Im Haus Nr. 75 war das Kolonialwarengeschäft des Viktualienhändlers Arnold Mitdereinerhand. Späterhin nannte er sich Einerhand. Seine Schwestern führten den Laden. Auf dem Foto aus den 30iger Jahren sind Würste und Konserven als ein Teil des Sortiments zu sehen.
Als Nachfolgerin übernahm Frl. Schillings den kleinen "Tante Emmaladen" am Puetejeisje. Viele haben noch das große Blechschild von Henkel mit der Reklame für Sil vor Augen. Wenn Frl. Schillings ein Fass mit Heringen bekam, ging die Flüsterparole los: „Beij Schellengs sönd de Herege enet Anjebot“ (Wie das mit den Heringen ging, sollte ein andermal erzählt werden.)

Kohlscheid Südstraße

Lebensmittel Einerhand, Foto Sammlung Heimatverein

Kohlscheid Südstraße

Einerhand, Südstraße, Foto Sammlung Josef Nellessen

Die Puetgasse
Diese kleine Gasse führte parallel zur Josefstraße/ Am Wacholder, über  Langenberg, weiter ins Wurmtal. Für die Bergleute, die auf Gouley arbeiteten, war dies der kürzeste Weg, um zum „Knopp“ zu kommen und dann hoch zur Grube.
Die Fußballer, die auf der Kampfbahn Langenberg ein Spiel austrugen, kamen nur über das Puetejeisje zum Vereinslokal des KBC, die Sportzentrale Göbbels in der Südstraße. Hier zogen sie sich um - die Spieler und die Schiedsrichter.

Puetgasse

Puetgasse mit den Häusern ehemals Hillko und Schillings ca. 2004, Foto Heimatverein

Puetgasse

Blick in die Puetgasse 2020, während der Abrissphase, Foto E. Hallmann

Hillko

Das Haus Nr. 73 war viele Jahre die Hillkofiliale am Dreieck. In der Festschrift 100 Jahre Hillko von 1970 ist die Filiale noch gelistet. Sie wurde lange Jahre geleitet von Ida Hammers.

Sie war die Frau von Hubert (Bub) Hammers; de met de Hot, de van dr KBC. Er trug mit Vorliebe einen braunen Wildlederhut, er war jahrelang Vorsitzender und Förderer des KBC.

Hubert Hammers führte das Elektrogeschäft und den Handwerksbetrieb seines Vaters, Südstraße Nr. 98 fort. Nach der Schließung der Hillko Filiale wurde Nr. 73 für den Elektrobetrieb genutzt. Die Zuwegung ging über das schmale Puetejeisje.

Vör dr Dreijeck

vom Markt ausgesehen waren in der Südstraße vor der Hillko die "Möbelfabrik Ernst", das "Textilwarengeschäft Bennent" und die "Metzgerei Holtz".

Auf der gegenüberliegenden Seite waren "Farben und Tapeten Werker" und "Elektro Hammers". 

 Dr Dreijeck 

Die Gaststätte „Zum Dreieck“

Dreieck, (c) Archiv Heimatverein Kohlscheid

Johann Josef Rocks

1901 stellte Johann Josef Rocks das Gesuch auf Konzessionierung einer Gastwirtschaft in seinem projektierten Haus, Südstr. 100. Das Gesuch wurde vom Kreisausschuss abgelehnt.
Immer wieder stellte Rocks ein Gesuch. Das vorletzte wurde mit dem Hinweis abgewiesen, Rocks solle auf die Fertigstellung der bis zum Markt führenden Kleinbahnlinie warten.  
Am 24. Juli 1905 wurde dann von der Reka die Strecke Kohlscheid Depot – Kohlscheid Markt in Betrieb genommen. (im Ersten Weltkrieg wurde die Linie eingestellt und abgebaut)
Wir nehmen an, dass Rocks ab 1905 seine Gaststätte betreiben konnte. Wie die Räumlichkeiten zwischenzeitlich genutzt wurden, ist vollkommen unklar.
Johann Josef Rocks war ein angesehener Bürger mit großem Engagement und Einfluss. So war er 1904 der Leiter einer  Kommission, die Standorte für weitere Straßenlampen festlegte.
In einer Verwaltungsmeldung von 1922 lesen wir, dass der Rat den Gastwirt Johann Rocks (Südstr. 100) zum Schiedsmann wählte. Er lehnte aber die Benennung ab.
Das Haus wurde gemäß angezeigter Jahreszahl 1901 gebaut. Typisch waren die Fronten mit roten Klinkern und den hellen Fensterstürzen. Die Aufteilung mit je drei Fenster oben und je zwei Fenster und einer Anschlusstür unten und die abgeflachte Ecke mit dem schönem Giebel vollendeten die Harmonie, die diesem Haus zu eigen war. Nicht zuletzt wurde das Haus durch die Fenster mit den gebogenen, hellen Stürzen zu  allen Zeiten ein Hingucker.
In dem Projektpapier von 1901 wurde der Name für das Haus mit "am Dreikengen" genannt. Bei der Realisierung änderte Rocks dann wohl den Namen. Auf den Bildern um 1905 herum ist die Bezeichnung „Am Dreieck“ zu finden.

Die Gäste mussten vier Stufen hoch zur großen Eingangstür. Die Theke war dann links in der Länge mit Platz für sechs – acht Gäste.  Der Wirt hatte also den Eingang im Blick und konnte durch die Fenster in die Kaiserstraße und in die Südstraße schauen. Auf der rechten Seite waren kleine Tische mit je vier Stühlen. Geradeaus gab es einen kleinen abtrennbaren Raum für Besprechungen. Über die vielen Jahre hatte sich an dieser Aufteilung nicht viel geändert. Die Gaststätte hatte keinen Saal, noch nicht einmal einen großen Raum. Es war im Grunde genommen eine kleine Eckkneipe; wurde aber niemals so bezeichnet.

Dreieck, (c) Archiv Heimatverein Kohlscheid

Jean Engels

Mitte der 20er Jahre kaufte Jean Engels das Haus. Er beantragte 1925 einen Anbau. In den Adressbüchern von 1927, 1935, 1950 und 1957 erscheint Jean Engels als Wirt.  Er führte die Gaststätte aber bis 1968. Das zeigt seine Beliebtheit während der unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Zeiten. Er war der typische Wirt. Er wusste alles, war aber kein Waschweib, kannte seine Kunden und wusste jeden persönlich zu nehmen. Er verstand es, Konflikte mit Humor zu schlichten, aber ggf. auch resolut zu beenden. Er war bei allen der beliebte Engels Schang.

Dreieck

Herrenclub mit Wirtin im Dreieck. Engels Jean ist entweder der Herr mit Krawatte oder der vorne mit dunkler Weste und Hut? Wer kann helfen?  Foto Sammlung Josef Nellessen

Juli 2024; Peter Krott schreibt:
"Ich habe Ergänzungen zu Ihrer Erinnerung an die Gaststätte "Am Dreieck".
Jean Engels ist der Herr mit der Weste, die Dame mit der Schürze ist seine Ehefrau Emilie, die ihn überlebte.
Pächter der Gaststätte waren ab 1963 auch noch Erich und Else Uhing, die später eine Gaststätte in Aachen am Ponttor betrieben.
Ab etwa 1967 übernahm "Menn" Stammsen das Lokal mit seiner Frau Sibille. Der richtige Vorname von Menn Stammsen ist mir leider nicht bekannt, dessen Bruder Josef übernahm dann wenig später die Gaststätte.
Freundliche Grüße
Peter Krott"

EH: Herr Krott, vielen Dank für die Ergänzung.

Juli 2026

Nachtrag zu dem bestehenden Bericht „Der Dreieck in Kohlscheid“ aus März 2022

Ich bin Herbert Engels, Jahrgang 1949. Mein Großvater Jean Engels war der Wirt des Gasthofs „Am Dreieck“ in Kohlscheid. Ich bin nach der Bundeswehr, also mit 22–23 Jahren, nach Aachen gezogen, hatte vor Bearbeitung des Themas keinen großen Bezug mehr zu Kohlscheid. Jetzt fahre ich wieder mit anderen Gedanken durch den Scheed.

Das Bild zeigt meinen Großvater Jean, eine Cousine meines Vaters, mein Vater Josef, meine Großmutter Emilia, genannt Milli und eine weitere Cousine; Foto ca. 1956, Sammlung Herbert Engels

Ich bin verwandt mit den Familien Paffen und Gasten. Mein Großvater Theodor Paffen (mütterlicherseits), hatte elf Enkel, davon leben noch sieben. Vor Kurzem haben wir uns getroffen. Elmar Gasten erzählte, dass die "Geschichtsfreunde" Ausführungen über die Kohlscheider Gaststätten machen würden.

Dazu möchte ich dann doch das Ein oder Andere berichten und stelle gerne noch einige Fotos zur Verfügung.

Die Engelsfamilie

Die Engelswirte, also die drei Wirte, die Engels hießen, hängen auch verwandtschaftlich zusammen. Mein Großvater, der Jean Engels, dann der in der Südstraße auf der anderen Seite, also nachher Goebbels, und der oben auf dem Markt, der war auch Engels. Das waren drei enge Familienmitglieder.

Die Tochter des Engels in der Südstraße war eine Cousine meines Vaters. Sie heiratete einen Goebbels.

Dann gab es aus dem Zigaretten‑ bzw. Zigarrengeschäft die Tilla‑Kraut. Sie war eine Schwester dieser Frau Goebbels, also ebenfalls eine Cousine meines Vaters.

Mein Vater Josef , der Großvater Jean, die Großmutter Milli.; Foto ca. 1930, Sammlung Herbert Engels

Das Haus am Dreieck also Ecke Südstraße / Kaiserstraße

Wie kam der Großvater zu dieser Gaststätte?  Der Vorgänger und Besitzer des Hauses hieß Rocks. In den 1920er Jahren wurde die Gaststätte  gekauft. Es war dann Eigentum der Wirtsleute Jean Engels und seiner Frau Milli.  

Diese Gaststätte hatte etwas Besonderes. Sie hatte das kleine Sälchen; man ging neben dem Wandbogen, unter dem der Ofen stand, in einen separaten Raum. Vorne im Gastraum standen die Theke und die Tische.

Das Sälchen war eigentlich kein Sälchen, sondern nur ein Nebenraum, der von den Gästen immer wieder mit genutzt wurde und damit dann auch zur Gaststätte als Schankraum gehörte. Man konnte die Tür abschließen, sodass der Raum auch separat für Versammlungen eines Vereins genutzt werden konnte. Dieser "Gasthof", wie oben auf dem Foto genannt, hatte keinen Saal und keine Kegelbahn.

Die Hauptfigur – Der  Wirt – mein Großvater

Schang Engels; Foto ca. 1950, Sammlung Herbert Engels

Jetzt zum Großvater, dem Wirt Schang (oder et Schengsche). Er war ein kleiner, untersetzter Mann, der hinter der Theke eine gewisse Figur gab.
Einiges werden wir von ihm kennenlernen und es ist nachzu vollziehen, dass er als sympathisch und beliebt galt.
Jeden Morgen las er nach dem Frühstück und vor dem Öffnen ausführlich die Zeitung.

Foto ca. 1960; Sammlung Herbert Engels

Mein Großvater war im weiten Umkreis als Wirt bekannt, immer sehr lustig und gesellig, und er wurde als angesehener, respektierter Wirt akzeptiert. Er unterhielt sich mit den Gästen, spielte mit ihnen Skat. Wenn der dritte oder vierte Mann fehlte, setzte er sich einfach dazu. Er war sehr unterhaltsam.

Schang war immer für ein Scherzchen bereit, aber immer mit dem gewissen Stil. Foto: Sammlung Herbert Engels

Der Schang hatte einen grundsoliden Ruf, er war als Wirt in Kohlscheid und Umgebung als Wirt anerkannt. sonst hätte er sich nicht 40 Jahre lang halten können.

EH: Wurde bei euch zu Hause Platt gesprochen?

Nein, zu Hause nur Hochdeutsch. In der Kneipe wurde natürlich Platt gesprochen. Das konnte man nicht abstellen.

Mein Großvater sprach natürlich angepasst. Wenn jemand vor ihm stand, von dem er wusste, dass er Platt spricht oder gerne Platt spricht, wurde Platt gesprochen. Stand zum Beispiel ein hoher Beamter oder Steiger vom EBV, von dem er wusste, dass der nur Hochdeutsch sprechen konnte, wurde Hochdeutsch gesprochen. Das ging hin und her und er passte sich an. Wie gesagt, mein Großvater war da sehr, sehr auf die Gäste eingespielt.

Man redete über meinen Großvater vom Schengchen, also in der Verniedlichungsform. Schang kommt eigentlich aus dem Niederländischen oder aus dem Französischen, Jean, also ist die Grundform für den deutschen Namen Johann, Hans..

Typisch: Schang meist mit Anzug; Foto: Herbert Engels

„Programm“

Frühschoppen war samstags und sonntags, und dann war der Gastraum, also die Wirtschaft, proppe voll. Ich war 12 oder 13 Jahre alt, als ich praktisch als "Aushilfskellner" mitmachen durfte.  Ich bekam natürlich ein bisschen Trinkgeld, zum Beispiel vom Metzger Holz gegenüber oder vom Metzger Dijon auf der anderen Seite. Das war ein schönes Sonntagsgeld nebenbei.

Jeden Morgen wurde um 10 Uhr geöffnet, und dann kamen die ersten Gäste, zum Beispiel Bergleute, die ihre Schicht beendet hatten, um ein Bierchen und vielleicht ein Körnchen zu trinken. Gegen Mittag kamen die Rentner, danach gab es eine Mittagspause; nachmittags wurde wieder geöffnet. Skat wurde meistens abends gespielt.

An den Wochenenden war sehr viel los. Meine Mutter und mein Vater halfen aus, und meine Schwester und ich wurden bei dem anderen Großvater, der in der Ebertstraße wohnte, unter Obhut gestellt. So lief die Wirtschaft praktisch ab.

Ich kann mich nicht erinnern, dass dort geknobelt wurde – das gab es vielleicht gar nicht. Hauptsächlich wurde Skat gespielt. Der Großvater war ein geselliger Wirt; fehlte ein dritter oder vierter Mann, setzte er sich dazu und spielte mit.

Das Bier wurde auch außer Haus verkauft. Wenn die Leute mit den braunen Flaschen, den Siphons, kamen, füllten sie ungefähr 2 Liter ein, trugen die Flaschen nach Hause und tranken das Bier dort. Ein sogenanntes „Rütchen“, ein kleines Fenster, an dem die Gäste draußen standen und ihr Bier für zu Hause bekamen, gab es nicht – daran kann ich mich nicht erinnern.

Spezialität

Mein Großvater war gelernter Metzger. Alle paar Wochen machte er Sülze, den  „Scheeter Hoikies“.  Das Fleisch wurde zusammen mit allen Zutaten und Gewürzen durch den Wolf gedreht, dann in alle vorhanden Töpfe und Gefäße abgefüllt und fest werden lassen.

Er kündigte an: „Morgen gibt es Sülze.“ Am nächsten Tag war die Gaststätte voll, denn jeder bekam ein Stück, in kleinen Portionen, zusammen mit einer Scheibe Schwarzbrot, kostenlos. Das war ein Service von meinem Großvater für seine Gäste und er zog neue Kunden an.

Also, für seinen grauen Hoikies war der Schang bekannt. 

Ansonsten gab es nichts zu essen. Die große Ausnahme war vielleicht ein Schnittchen oder ein "strammer Max".

Die Gäste

Unsere Kundschaft war anders als bei Harff. Unser Publikum war gesetztes, etwas älteres Publikum – ich spreche von den 1950er Jahren, als ich das als Kind miterlebte. Harff hatte einen anderen Ruf, weil dort vor allem Arbeiter verkehrten, die etwas rabaukenhafter und roher waren. Dort gab es bereits einige Auseinandersetzungen, über die man sich in Kohlscheid erzählte. Wenn mein Vater hörte, dass eine Veranstaltung bei Harff stattfinden sollte, sagte er: „Oh wei, oh wei, bei Harff, oh nee, da gehe ich nicht hin.“

Der Dreieck war eine grundsolide Gaststätte. Wir hatten als Gäste ältere, gesittete, ruhige Menschen. Ich erinnere mich nicht an Krawalle oder gewalttätige Gäste bei meinem Großvater. Er war jedoch sehr rigoros bei auffallenden Gästen. Er schenkte nichts mehr aus, sagte: „Du bekommst kein Bier mehr, du bekommst hier nichts mehr, komm, bezahl und dann geh bitte.“ Auf diese Weise hatte er praktisch immer Ruhe.

Ausschank

Zum Ausschank kamen die Biere Ketschenburg aus Stolberg und Hacker Pschorr  aus München. Die Schnäpse waren die damals üblichen, wie Dornkaat, Steinhäger  usw. Die Schnäpse wurden in Glasballons, die in geflochtenen Körben geschützt, angeliefert.
Sie standen im Keller. Mein Großvater füllte die Flaschen unten im Keller ab, während oben die Flaschen mit Etiketten an der Theke standen.

Ein Körnchen wurde gern zusammen mit einem Bier getrunken, im Volksmund – Köppelchen genannt.

Großvater und Großmutter und mein Vater Josef; Das linke Reklameschild nennt den Spirituosen - Lieferanten Chorus und das rechte Ketschenburger Pilsener Foto von ca. 1935; Sammlung Herbert Engels

Wenn Ketschenburg anlieferte, durfte ich mitfahren. Der Lieferant kam in einem alten Hentschel LKW mit großer Motorhaube, ohne Servolenkung, sodass der Fahrer beim Kurvenfahren richtig arbeiten musste. Er fuhr nach Richterich, wo er zwei Anlieferstellen hatte, und dann zurück nach Kohlscheid, ebenfalls mit zwei Anlieferstellen. In Kohlscheid musste ich aussteigen. Ich hatte 1–2 Stündchen ein wunderbares Erlebnis.

Das Ende

Milli und Schang Engels; Foto von ca. 1955; Sammlung Herbert Engels

Der Großvater verstarb Mitte/Ende der 1965, meine Großmutter Mai 1974. Meine Eltern übergaben das Haus, also die Wirtschaft, später mehreren Pächtern. 

Einige Zeit später stellten meine Eltern fest, dass es sich nicht mehr lohne. Der Aufwand und die Schwierigkeiten wurden immer größer. Das Haus wurde auf Lebensrente verkauft.

Mein Vater war im  Hauptberuf selbständiger Musiklehrer und in der Pfarre in Kämpchen war er festangestellter Organist und Chorleiter. 

Dank an Herbert Engels für den Text und die Bilder. Alles zusammen ist eine großartige Ergänzung.


Weitere Wirte und Wirtinnen:

  • Josef Stammsen ab 1968       
  • Barbara Bräutigam annonciert 1975: Vereinslokal für den Karateclub „The Korea“ und den „Sparklub von Jo“,
  • ?? Uhing steht im Adressbuch von 1980
  • Josef Birenzeig
  • Josef Martinelli (nicht der Alemannia Fußballer) annonciert: „feine Gaststätte  /eins trinken, wenn man vom Standesamt kommt“
  • Ingrid und Darko Dolamic annoncieren 1993:  Wiedereröffnung

Die Aufzählung ist nicht vollständig.
Anita Mohr stellt 2003 als Bauherrin den Antrag zur Errichtung eines Kiosk

Schicksal des Hauses

Ab wann das Haus leer stand, ist uns nicht bekannt.

Foto: E Hallmann

Am 27.9.2006 gab es den Brand mit Personen und Sachschaden.  
Das Dach wurde noch repariert.

Foto: Archiv Stadt Herzogenrath

2010 dann, fing die Natur an, das Haus zu erobern. Pflanzen wuchsen an den Türen. Es gibt noch das Schild mit
Zu verkaufen

Foto: E. Hallmann

Oktober 2015   Das Haus muss abgerissen werden. Bürgermeister von den Driesch:  „Die Stadt hat ein ordnungsbehördliches Verfahren gegen die Besitzerin eingeleitet, um den zur Verkehrssicherung dringend nötigen Abriss per Ersatzvornahme vollziehen zu können. Die entsprechenden Fristen sind jetzt abgelaufen. Die Kosten sollen geltend gemacht werden“.

Die Bagger rücken an.

Foto: Archiv Stadt Herzogenrath

AZ: Bei den Abbrucharbeiten kam es zu einer weitreichenden Panne: Teile des Mauerwerks durchschlugen das Oberlicht des Nachbarhauses, Steine landeten auf dem Schreibtisch im dortigen Büro eines Fliesenunternehmens. „Zum Glück war gerade niemand anwesend,"

Veränderte Verkehrsführung

2020 zeigte der Beschluss, die Markttangente zu bauen, seine Auswirkungen. Die Häuser Südstraße 71, 73, 75 wurden abgerissen.

2020, Abriss zwei Häuser Südstraße, Foto E. Hallmann

2020, Lücke durch den Abriss der zwei Häuser Südstraße, Foto: E. Hallmann

2021, Am Dreieck entstand die veränderte Verkehrsführung mit Kreisverkehr. Foto: E. Hallmann

Der Kreisel wurde im Dezember 2020 eingeweiht und in Betrieb genommen. Eine Verzierung auf dem Kreisel ist nicht möglich, weil für Busse und LKW Züge die Situation zu eng ist.

Wand mit Dekoration vom Verein Kohlscheider Bürger

Zur Erinnerung an das alte Gebäude und die frühere Situation am Dreieck wurde im Dezember 2021 ein Bild auf die freigewordene Stirnwand angebracht. Die Initiative dazu hatten Birgit Meyer und Harald Werner vom Verein Kohlscheider Bürger.  Die nicht zu unterschätzende Arbeit der Finanzierung und Abwicklung erledigten sie auch.   Hierfür und für die Genehmigung von Herrn Dohmen gilt es dem Verein einen großen Dank aus zu sprechen.
Das Foto stammt aus dem Archiv des Heimatvereins Kohlscheid.

Wandbild Dreieck

2020, Wandbild Dreieck

Katja`s Cafe Schaffrath

Das neben Fliesen Dohmen ansässige Katja`s Cafe nutzt die freie Fläche mit einer angenehmen Außengastronomie. Der Bereich ist einzäunt. Die Gäste können während der geeigneten Monate in Ruhe den mittlerweile attraktiven Platz für ein Käffchen und ein Pläuschchen nutzen. 

Tafel vom Heimatverein

Im März 2022 wurde zur Erläuterung der Situation vom Heimatverein Kohlscheid eine Tafel angebracht.

Das Wandbild wurde vom Verein Kohlscheider Bürger angebracht und die Tafel vom Heimatverein Kohlscheid

Tafel mit zwei Ansichten der Gaststätte Am Dreieck und Einsichten in die Südstraße

Aufruf:

 Wer kennt und weiß noch mehr über die  Wirtinnen und Wirte der Gaststätte Dreieck und zu den Jahren, in denen ein Wechsel vorgenommen wurde?
Wer hat Bilder von der Tankstelle Eichenbaum für den Bericht und für unser Archiv?
Wer hat Bilder vom Geschäft Klee?
Wer hat noch weitere Geschichten? Möchten Sie auch etwas zu Dreieck oder anderen  Ortsstellen berichten, dann melden Sie sich bitte unter Kontakte.

Dank

an Heinz Maas, der vieles recherchiert und kontrolliert hat, 
an Josef Nellessen für Fotos und Informationen, 
an einige "Südstraßenkinder" für ihre wertvollen Informationen und Hinweise
an Mitglieder des Arbeitskreises Heimatkunde aus dem Heimatverein Kohlscheid
an Marianne Schülke, die mit Geduld den Text redigiert hat.

Quellen

Aachener Zeitung, Bild Zeitung, Brücke
Archiv Heimatverein
Archiv Stadtverwaltung Herzogenrath

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