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Schlagzeile: „Traditions-Gaststätte - die „Restauration Schroiff“
Liebe Freundinnen und Freunde der Kohlscheider Geschichte
Sehr geehrte Damen und Herren der Presse, liebe Verantwortliche der Schülerzeitungen und Vereinsmitteilungen Zeigen auch Sie Ihren Lesern einen wichtigen Teil aus Kohlscheids Vergangenheit. Sie können gerne für Ihren Artikel in den Zeitungen oder Mitteilungen Teile des Berichtes verwenden.
Liebe Freundinnen und Freunde der Kohlscheider Geschichte
2025 – ein schwieriges Jahr – gegenwärtig sowie für die Zukunft und aus der Vergangenheit von vor 80 Jahren heraus. Man muss sich fragen: waren die Gegebenheiten und Erlebnisse in den 1940er Jahren wirklich eine Lektion für die Zukunft? Auftakt neue Reihe So, jetzt geht es weiter mit einer neuen Reihe zu dem Thema „Gastronomie in Kohlscheid“ Kurzer Rede langer Sinn – der „Kohlscheider Junge“ der in einer der bedeutendsten Gaststätten aufwuchs macht den Auftakt. Prof. Dr. Hans Willi Schroiff (Kürzlich erst stellte er im Lokal Harff seinen zweiten Kohlscheid Roman „Tödliche Wasser“ vor.) Für uns schrieb er den tollen Bericht zur Restauration Schroiff. Lesen Sie selbst: https://geschichtsfreunde-kohlscheid.de/die-restauration-schroiff-in-kohlscheid/ Mit dem Bericht Casino Laurweg https://geschichtsfreunde-kohlscheid.de/casino-laurweg/ gibt es ja schon länger einen Bericht zur Gastronomie. Ich suche jemanden der eine Aktualisierung schreibt und mit Fotos dokumentiert. Bitte bei mir melden. Überhaupt, jede Geschichte zu einer Gaststätte oder auch zu einem Imbiss ist willkommen. Wir bauen gerne solche Aussagen von Zeitzeugen ein. Und jetzt noch etwas für Weihnachten: Kohlscheider Weihnachtslied Weihnachtsgeschichten und -Meldungen aus Kohlscheid Liebe Freundinnen und Freunde der Kohlscheider Geschichte Den Geschichtsfreunden, die mir zu den Themen der Serie „NICHT VERGESSEN“ berichteten oder zu den neuen Themen, danke ich sehr herzlich. Für alle anderen ein Dankeschön für Ihre / Eure Treue.
Viel Spaß beim Lesen, beste Grüße und frohe Feiertage und einen guten Rutsch in ein besseres Jahr 2026.
Erich Hallmann
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Zu guter Letzt: Wenn Sie den Newsletter zum ersten Mal erhalten, dann bitte lesen Sie auch einmal die Auftaktseite www.geschichtsfreunde-kohlscheid.de. Unter „Blog“ im Menu finden Sie auch die bisher erschienenen Berichte. |
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HWSchroiff:
"Zu Bild oben - Auf der Südstraße, Festzug 1959 ; ich habe keine Ahnung, um welchen Festzug es sich handelte. Es war wohl nicht die Fronleichnamsprozession.
Ich bin der kleine Junge im Hauseingang mit der Lederhose."
Foto: Sammlung HWSchroiff
Gastgewerbe in Kohlscheid
EH: Ein spannendes Thema. Bisher ist eine Liste von fast allen Lokalitäten entstanden, die in Kohlscheid jemals existierten oder heute noch Bestand haben.
Nun möchte ich so viele Geschichten wie möglich zu Gasthäusern im weitesten Sinne zusammentragen und veröffentlichen. Fangen wir an mit dem
Auftaktbericht von Prof. Dr. Hans Willi Schroiff
„Restauration Hans Schroiff“ - Südstrasse 87
Ich wurde am 8. Mai 1952 in Bardenberg als erstes Kind der Eheleute Hans und Thea Schroiff geboren. Meine Eltern führten in der Südstraße 87 in Kohlscheid eine Kohlscheider Traditions-Gaststätte - die „Restauration Schroiff“.
Gegründet hatte die Gaststätte mein Urgroßvater Adam Schroiff im Jahre 1897. Jedenfalls wollte er das, aber die Gemeinde Kohlscheid erteilte ihm trotz mehrerer Anläufe keine Konzession für die untere Südstraße – mit der Begründung, es gäbe schon genug Gaststätten in diesem Bereich.
Nun war mein Urgroßvater Adam kein Kind von Traurigkeit und ein ziemlich heller Kopf. Er hatte immerhin mit seinem Bruder Leo in Kohlscheid in der Feldstraße eine respektable und erfolgreiche Gießerei gegründet und betrieben. Und was er sich einmal ausgedacht hatte, dass brachte er auch zustande. Also eröffnete er anstelle einer Gaststätte ein „Bürger Casino“. Das funktionierte nach dem Vorbild der englischen Clubs, bei denen man Mitglied sein musste, um dort verkehren zu können. Seine Geschäftsidee wurde rasch ein grandioser Erfolg. Kohlscheids Bürgertum drängte in das Schroiff’sche „Bürger Casino“.
Das Casino war tatsächlich ein piekfeines Etablissement. Ich besitze noch zwei Stühle aus dieser Zeit, die sehr exklusiv und aufwändig gearbeitet worden sind. Sie sind leider etwas unbequem und deshalb stehen sie bei mir auf dem Dachboden. Irgendwann hat dann die Gemeinde Kohlscheid meinem Urgroßvater im Jahre 1906 doch eine Konzession zugestanden und damit war die Gaststätte Schroiff in der Südstraße 87 auch für Normalbürger zugänglich.
Sie firmierte jetzt unter der Bezeichnung „Restauration Schroiff“. Das war wieder einmal so eine Idee meines Urgroßvaters, der nicht nur ein kreativer Unternehmer, sondern auch ein Feingeist war und den Menschen sehr zugetan.
Die Bezeichnung „Restauration“ (also: Wiederherstellung) wurde von meinem Urgroßvater bewusst in diesem Sinne eingesetzt. Er wollte eben keine normale Kneipe, sondern einen gutbürgerlichen Treffpunkt, wo man einander entspannt begegnen und sich „restaurieren“, also erholen konnte. Die bekannte „Erholungs-Gesellschaft“ in Aachen z.B. dachte und handelte nach dem gleichen Prinzip.
Sein zweiter Sohn Wilhelm Schroiff, mein Großvater, führte die Gaststätte nach dem Tode meines Urgroßvaters ab 1922. Der erstgeborene Sohn und Erbe Leonhard Schroiff war 1916 an der Somme gefallen. Unter der Regie meines Großvaters blühte die Gaststätte auf und wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einer Institution in der Südstraße. Die mehrbändige Kohlscheid-Chronik von Josef Aretz dokumentiert das auf eindrucksvolle Art und Weise.

Meine Großeltern Gertrud und Wilhelm Schroiff; Foto: Ende der 40er Jahre, Sammlung HWSchroiff
Nicht nur die Gaststätte war äußerst beliebt und geschätzt, vor allem der große Saal mit Bühne, Vorhang und Künstlergarderobe wurde zu einem kulturellen Zentrum und zu einem Magnet für das wirklich eindrucksvolle Vereinsleben in Kohlscheid.
Natürlich gab es in Kohlscheid auch andere Lokalitäten mit diesen Eigenschaften - wie z.B. das Konzerthaus Harff in der oberen Südstraße oder Haus Goertz in Klinkheide. Aber bei „Schroiff“ war eben besonders viel los und „ … immer niveauvoll“, wie mein Großvater stets zu betonen wusste.
Im zweiten Weltkrieg wurde die Südstraße 87 schwer beschädigt und fast völlig leergeplündert. Da haben sich sicher viele Kohlscheider am Mobiliar bedient. Die legendäre Stuckfassade blieb aber heil.

Bild Nr. 3
Zu Bild Nr. 3:
Kohlscheid, Südstraße 87 im Jahre 1962, erbaut 1894, umfangreiche gut erhaltene Stuckarbeiten an der Fassade (siehe vor allem Fries an der Dachkante) Zu dieser Zeit im Besitz meines Vaters „Restauration - Hans Schroiff“
Rechts davon gab es damals noch eine Gasse („et Schruffe Jeisje“), die durch die Gärten nach Schützenheide führte. Einen Pfad gibt es heute noch, unseren Garten von der Südstraße 87 gibt es nicht mehr. Da ist jetzt eine Art Garagenhof.
Foto: Sammlung HWSchroiff
Mein Vater Hans Schroiff übernahm die Gaststätte nach dem Tode meines Großvaters im Jahre 1953. Auch er war der Zweitgeborene - sein älterer Bruder Adi war 1944 in Russland gefallen. Es war eins dieser berühmten Versprechen auf dem Sterbebett meines Großvaters - mein Vater musste sich in sein Schicksal fügen und das elterliche Geschäft übernehmen. Er war eigentlich gelernter Kaufmann und wäre das auch gerne geblieben.

Bild Nr. 4
Zu Bild Nr.4
In der Gaststätte im Jahr 1958:
Links: Matthias („Mattschö“) Ortmanns, ein Nachbar, der häufig als Buffettier hinter der Theke aushalf, er war eigentlich angestellter Friseur oben in der Südstraße.
Mitte : Mein Vater Hans
Rechts: Meine Mutter Thea (mit Goldzahn)
An der Zapfsäule ist noch der Rehbock ansatzweise zu erkennen
Foto: Sammlung HWSchroiff
Die Gaststätte
Die Gaststätte war relativ groß - ca. 100 qm. Wenn man den Gastraum betrat, war rechts die Skatecke, dann die fast durch den ganzen Raum führende Theke (mit einem eingravierten Rehbock auf der Zapfsäule). Geradeaus ging es durch Glastüren in den großen Saal (s.u.) und auf der linken Seite hinter dem großen Kohleofen war der Durchgang zu den Toiletten. Es gab etwa 15 Tische (mit beige/ braun/ rot-karierten Tischdecken), die mit 4-6 Stühlen bestückt waren.
Die Gaststätte hatte rechts am Eingang ein kleines Seitenfenster („Rüütche“ genannt, eine Art Schankfenster). Dort konnte man klopfen und in einem mitgebrachten Gefäß Bier für den heimischen Konsum kaufen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das noch häufig genutzt wurde.
Hinter der Eingangstür musste man noch durch einen runden schweren Vorhang aus Rosshaar oder Kokosfasern, um die Wärme drinnen zu halten. Das gab es damals bei vielen Gaststätten. An den Wänden hingen Ölgemälde meines Großvaters, der auch als Kunstmaler tätig war.
Rechts hinter der Theke gab es auf einem Tisch ein großes schwarzes Telefunken Radio (das dann Mitte der 1960er von mir zu einem Gitarrenverstärker umfunktioniert wurde). Aber das ganz Besondere an diesem Radio war das eingebaute „Tefifon“. Das muss ich erklären…
Das Tefifon wurde zwischen 1950 und 1965 als Wiedergabegerät für Schallband-Kassetten produziert. Damit konnte man Musik abspielen, die auf großen Kassetten angeboten wurde. In einer solchen Kassette befand sich ein flexibles und endloses Schallband aus Kunststoff, welches auf der Vorderseite eine Schallrille enthält - wie bei einer Schallplatte. Die Tonabnahme war damit auch vergleichbar mit einer Vinyl-Schallplatte, wobei die Tonnadel die Schallrille von oben nach unten auf dem Schallband durchläuft.
Auf den Schallbändern der Gaststätte Schroiff waren überwiegend Zusammenstellungen von Schlagern, Tanzmusik sowie Marschmusik, Klassik, Opern und Operetten zu finden.
Und die liefen natürlich häufig zur Unterhaltung der Gäste. Ich verdanke meine musikalische Früherziehung diesem Tefifon. Noch heute kann ich daher fast jeden Schlager der 50er-Jahre mitsingen, z.B. „Warum weinst Du, kleine Tamara?“ von Rudi Schuricke.
Ab 1958 gab es auch ein Fernsehgerät in der „Restauration Schroiff“, geliefert und installiert von der Firma Schönherr aus Würselen. Hoch auf zwei Tischen platziert stand das Gerät in der hinteren rechten Ecke und sorgte beständig für einen großen Besucherandrang - vor allem bei beliebten Abendprogrammen wie Shows mit Peter Frankenfeld (z.B. „1:0 für Sie“).
Ich erinnere mich z.B. noch sehr gut an die Übertragungen der Fußball-WM 1962 in Chile. Da mussten Gäste wegen Überfüllung an der Tür abgewiesen werden, drinnen konnte man nur stehen. Die Kellner quälten sich durch die Menge und das Chaos auf der Herrentoilette während der Halbzeitpause war unbeschreiblich. Im Vorrundenspiel gegen Italien rechneten alle mit einer Niederlage Deutschlands, aber das Spiel endete trotz vieler Chancen 0:0. Italien schied aus und Deutschland erreichte das Viertelfinale. Da war
die Hölle los, zum Glück bleib die Einrichtung ganz.
Für uns Kinder gab es Fernsehen nachmittags um fünf Uhr („Kinderstunde“) und dann nochmal zum „Intermezzo“ vor der „Tagesschau“. „Abenteuer unter Wasser“ (von 1959 - 1964) mit dem Froschmann Mike Nelson war mein Favorit. Der kämpfte unter Wasser im Auftrag von Versicherungsgesellschaften, Bergungsunternehmen und Regierungsstellen gegen kriminelle Machenschaften und geriet dabei mit gefährlichen menschlichen Widersachern und auch Tieren aneinander. Ich habe erst mit 15 Jahren schwimmen gelernt. Aber ich besaß schon mit 8 Jahren eine Taucherbrille und Flossen, um die wichtigsten Kampfszenen unter Wasser nachspielen zu können. Gerettet wurde immer meine kleine Schwester Marina, die mit 3 Jahren ihre Rolle misslicherweise noch nicht kapierte.
Besonders „nett“ fand ich mit meinen 8 Jahren auch die „Intermezzo“-Ansagerin Judith Mildner mit ihren abenteuerlichen Frisur Kreationen. So etwas sah man damals in Kohlscheid noch nicht so oft.
Die Lüftung in der Gaststätte war ein ständiges Problem, vor allem im Winter. Dichter Tabakqualm war ja die Regel, denn fast alle rauchten - und zwar alles Mögliche. Und die einzige Lüftung ging über einen Ventilator mit dem Durchmesser einer Langspielplatte,
der aber nur Luft von innen nach außen blies. Da würde heute das Ordnungsamt den Laden auf der Stelle dicht machen, aber in den 1950gern gehörte das einfach dazu.
Geheizt wurde die Gaststätte mit einem großen Kohleofen auf der linken Seite vor der Tür zur Toilette. Zwecks Intensivierung der Wärmestrahlung ging das silbern gestrichene Ofenrohr quer durch den gesamten Raum. Das würde man heute auch nicht mehr genehmigt kriegen.
Entertainment gab es auch, allerdings erst recht spät in Form eines einzelnen Spielautomaten in der Skatecke. Ob es ein Kicker gab, weiß ich nicht mehr.
Ende der 1950er-Jahre gab es dann die Premiere für die erste Dart-Scheibe in Kohlscheid - besorgt durch Willi („Bill“) Knops, einem Freund meines Vaters aus Bank, der nach englischer Kriegsgefangenschaft eine Engländerin geheiratet hatte.
Erwähnen muss ich auch noch das sogenannte „Puff-Buch“. Da steckte nichts Anrüchiges dahinter - als „Puff“ bezeichnete man in Kohlscheid und anderswo eine unbezahlte Rechnung (also quasi Schulden). Man konnte „anschreiben“ lassen und irgendwann nach
dem nächsten Lohntag ging man dann „dr Puff bezahle“.
Zu essen gab es in der „Restauration Schroiff“ nichts. Außer gelegentliche Soleier, Erdnüsse aus Tütchen („Pittges“) und hinterher ab 1959 sogar so etwas wie „Hanuta“.
Der Saal
Der Saal der Gaststätte ist heute wohl komplett abgerissen und überbaut worden, ich weiss nicht, ob da jetzt auch Wohnungen sind. Jedenfalls war der Saal insofern eine einzigartige Konstruktion, alldieweil er schon 1907 ein komplettes Glasdach hatte. Das ist zwar im Krieg zu Bruch gegangen, wurde aber von meinem Großvater wieder neu errichtet. Und da gab es dann also Veranstaltungen bei Tageslicht.
Der wirklich große Saal (ca. 200 qm) war vom Gastraum durch Glastüren abgetrennt. Von meinem Urgroßvater als Ort für Theater- und Musikaufführungen konzipiert, hatte der Saal eine große Bühne mit Vorhang und eine Künstler-Garderobe - also das, was man heute „Backstage“ bezeichnen würde. Ich habe als Kind den Saal als riesig in Erinnerung…. und lernte dort das Radfahren.
Der Saal wurde ständig genutzt - es gab in Kohlscheid ein sehr reges Kultur- und Vereinsleben. Es fanden regelmäßig zu allen möglichen Anlässen Tanzmusik, Werbevorführungen (!), Theatergruppen statt - Josef Aretz hat das alles in seinen Bänden minutiös dokumentiert. Ich bin immer noch sehr stolz darauf, dass meine Familie eine so wichtige Rolle in der kulturellen Blütezeit von Kohlscheid gespielt hat.
Brechend voll war es immer an Kirmestagen, also zu Pfingsten und im September. Mein Vater beschäftigte an einem solchen Abend fünf Buffettiers (die also stationär an der Theke bedienten und zapften) und 10-12 Kellner. Dann wurde ich für eine Woche zu meiner Tante nach Würselen evakuiert. Nicht zu vergessen auch diese wunderbare Tradition der Kohlscheider Maijungen, die auch in den Büchern von Josef Aretz hinreichend beschrieben worden sind.

Bild Nr. 6
Zu Bild Nr. 6
Pfingstkirmes 1956 (auf dem Saal) (met et Buurmanns Lejötche)
Leo Bauermann war ein kleinwüchsiger Klassenkamerad meines Vaters und wie durch ein Wunder den Euthanasie-Programmen der Nazis entgangen. Er wohnte auf Schützenheide und war ein voll integrierter und respektierter Bürger und Nachbar. Und er war ein großer Witzbold, der sich über seine Kleinwüchsigkeit selbst am meisten lustig machte.
Hier stiftete er die Kapelle an, den „Sportpalast Walzer“ zu spielen, schnappte sich mein Dreirad und drehte zur Gaudi aller und sich selbst ein paar Runden durch den Saal.
Das war Inklusion auf Scheeter Art und niemand dachte sich etwas Böses oder Diskriminierendes dabei. Alle hatten Spaß dabei - vor allem Leo Bauermann.
Foto: Sammlung HWSchroiff
Darüber hinaus war unsere Gaststätte die Heimat von vielen Vereinen. Man muss sich nur vorstellen, dass es 1921 in Kohlscheid etwa 60(!) Vereine gegeben hat. Die hatten fast alle ein Vereinslokal, in dem ihre Versammlungen abgehalten wurden. Der OrchestervereinKohlscheid z.B. unter Hermann Kornatz probte in unserem Saal seit ewigen Zeiten.
Politische Versammlungen hat es in der „Restauration Schroiff“ niemals gegeben. Weder bei meinem Urgroßvater (ein Kaisertreuer), noch bei meinem Großvater, einem katholischen Zentrums-Politiker und striktem Gegner der NSDAP - und erst recht nicht bei meinem Vater, der es immer kategorisch ablehnte, seine Gaststätte auch nur im Geringsten politisch einzufärben.

Bild Nr. 7

Bild Nr. 8
zu Bild Nr. 7
Heiligabend 1955, der Orchesterverein Kohlscheid bringt seinem Vereinslokal ein Weihnachtsständchen
zu Bild Nr. 8
Eine Sportler Mannschaft vor ihrem Vereinslokal, der „Restauration Schroiff“
(Ein Bild aus den späten 40er Jahren, es ist nicht genau datierbar. Aber es muss vor 1951 gewesen sein.)
Das Bild zeigt den Radsportverein „Endspurt“. Mein Vater steht in der hintersten Reihe in der Mitte. Vorne in der Mitte (mit Pokal) das müsste der bekannte Kohlscheider Radrennfahrer Jakob Kropp sein. Ansonsten kenne ich von dem Foto nur Karl Prokoppa (Maler und Anstreicher) hinterste Reihe ganz links und in der Bildmitte N? Kicken vom Fahrradgeschäft auf der Südstraße.
Beide Fotos: Sammlung HWSchroiff
Die Gaststätte als sozialer Katalysator
Wenn ich an die Gaststätte meiner Familie denke, so habe ich sie aus den 50er Jahren und Beginn der 60er Jahre so in Erinnerung, wie mein Urgroßvater sich das vorgestellt hatte: als einen Ort der sozialen Begegnung, wo ganz unterschiedliche Menschen zusammen kommen, um Gemeinschaft zu erfahren und kultiviert zu pflegen, gemeinsam Dinge zu erleben, Spaß zu haben, sich manchmal auch das Leid zu klagen und Trost zu suchen.
Morgens um 10h begehrten schon die ersten Rentner oder Invaliden Einlass, die wahrscheinlich bis zum Mittagessen aus dem Haus gescheucht worden waren. Der Milchmann Franz Schwarz (("dr Schwatze Fränz“) sprang schnell auf einen „Klaren“ herein, einige Geschäftsleute machten sich zwischendurch mal auf ein Bierchen frei. Nachmittags dann erste Feierabend-Biere und beginnende Skat-Runden.
Gesetzt war vor allem der sonntägliche Frühschoppen zwischen Hochamt in der Kirche und Mittagessen zuhause- damals eine reine Männerangelegenheit. Da war die Publikumsdichte am höchsten und der Tabaksqualm am dichtesten.
Und am Abend war die Gaststätte immer voll. Es war so etwas wie der Besuch eines gemeinsamen Wohnzimmers - mit einem gewissen Ritual-Charakter. Man ging nicht allein ins eigene Wohnzimmer, sondern zusammen zu Schroiff. Es gehörte zum Leben in einer kleinen Gemeinde dazu, dass man sich irgendwie zusammensetzte, miteinander redete. Und so wurde die Gaststätte zu dem, was ich in meiner persönlichen Rückschau als „sozialen Kitt“ bezeichnen möchte. Und es war viel mehr als das, es war ein sozialer Marktplatz, auch ein wenig Jahrmarkt der Eitelkeit, ein bisschen Heiratsvermittlung, Kameradschaftsabend, ein Mittel gegen Einsamkeit, ein Beichtstuhl für Sorgen, Inklusion par excellence, und natürlich auch Tratsch und Klatsch - also für alles, was halt so in der Betriebsanleitung für Menschen drin steht. Man hielt für eine kurze Zeit inne, befreite sich von den Mühen des Tages und genoss das Eintauchen in eine vertrautes Umfeld.
Natürlich gab es auch Konflikte, aber das war doch eher selten. In den acht Jahren, die ich direkt mitbekommen habe, gab es einen einzigen Fall, in dem die Polizei anrücken musste. Und mein Vater hatte am nächsten Tag ein blaues Auge. Es wurde aber nicht weiter drüber geredet und damit war der Fall erledigt.
Wie ging es weiter mit der Gastronomie in Kohlscheid?
Anfang der 60er-Jahre machte sich der Rückgang in der Gastronomiebranche in Deutschland auch in Kohlscheid langsam bemerkbar. Das hatte mehrere Ursachen, die durch gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen bedingt waren.
In den 1950er-Jahren war der Restaurant- und Kneipenbesuch oft noch eine willkommene Abwechslung vom Alltag, gerade weil das häusliche Leben noch beengt war. Mit dem „Wirtschaftswunder“ verbesserten sich jedoch die Wohn- und Küchenausstattung deutlich: moderne Küchen, Kühlschränke, bessere Heizung. Viele Menschen kochten nun lieber zuhause und luden Freunde ein. Auch die Freizeitgestaltung veränderte sich: Fernsehen wurde für den Normalbürger erschwinglich und verbreitete sich rapide (ARD und ab 1963 ZDF), wodurch viele Abende nicht mehr außer Haus verbracht wurden. Statt in die örtliche Wirtschaft zu gehen, gönnten sich immer mehr Menschen kleine Urlaubsreisen oder neue Konsumgüter (Auto, Fernseher). Das Geld floss also nicht mehr automatisch in die Gastronomie, die ihre Rolle als Stifter eines „sozialen Kitts“ damit weitestgehend verlor. Es war neben anderen Faktoren diese Mischung aus steigendem Wohlstand, technischem Fortschritt und neuen Freizeitformen, die den traditionellen Gasthäusern die Kundschaft entzog.
Unabhängig von all diesen Überlegungen zog mein Vater 1964 für sich die Reißleine. Er hatte beschlossen, kein Gastwirt mehr zu sein, und kehrte in seinen vor dem Krieg erlernten Beruf als Kaufmann zurück.
Ich bin ihm dankbar, dass er den Mut hatte, mit 40 Jahren nochmal ganz von vorne anzufangen. Für mich bedeutete es, dass ich von der genetischen Verpflichtung entbunden war, in Kohlscheid eine Traditions-Gaststätte weiterführen zu müssen.
Was bleibt?
-Das Haus in der Südstr. 87, das mein Urgroßvater gebaut hat. Jedes Mal, wenn ich in Kohlscheid bin, fahre ich dort vorbei und bewundere die Stuckarbeiten aus dem Jahre 1896.
-Zwei Stühle aus dem Bürger-Casino
-Eine Zigarrenkiste „Marke Handelsgold“, in der mein Vater seine Einnahmen aufbewahrte und noch ein paar andere Memorabilien
-und ein Haufen Erinnerungen an meine glückliche Kindheit in der Südstraße 87 in Kohlscheid.
Neuss, den 15. August 2025
Prof. Dr. Hans-Willi Schroiff
Dank und Aufruf
Der Name Schroiff ist in der Kohlscheider Geschichte sehr bekannt.
Deshalb sind wir sehr dankbar, dass ein Nachfahre aus dieser für Kohlscheid sehr wichtigen Familie den Auftakt zu der Berichtsreihe „Gastronomie in Kohlscheid“ geschrieben hat.
Dank also an Prof. Dr. Hans-Willi Schroiff für seinen Bericht über eine der bedeutenden Gaststätten in Kohlscheid, die „Restauration Schroiff“ in der Südstraße. Er war spontan dazu bereit, zu erzählen und vor allem Bilder in Alben und Kartons zu suchen.
Das sollte uns anstoßen, mit zu machen, Mut zu haben, zu dem Thema Gastronomie in Kohlscheid (alte und neue) Geschichten beizutragen. Bitte kramen Sie im Gedächtnis und in Fotoalben und Kisten.
Danke
Erich Hallmann
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